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214 Der Tronipeter von Säckingen.
Wartet Eurer noch ein Stuhl im
Hohen Reichsgericht zu Wetzlar.“
Alſo ward ich ein Furiſte,
Kaufte mir ein großes Tintfaß,
Kauft' mir eine Ledermappe
Und ein ſchweres Corpus Furis
Und ſaß eifrig in dem Hörſaal,
Wo mit mumiengelbem Antlitz
Samuel Brunnquell, der Profeſſor,
Uns das römiſche Recht doziert'.
Römiſch Recht, gedenk' ich deiner,
Liegt's wie Alpdruck auf dem Herzen,
Liegt's wie Mühlſtein mir im Magen,
Iſt der Kopf wie brettvernagelt!
Ein Geflunker mußt' ich hören,
Wie ſie einſt auf röm'ſchem Forum
Kläffend miteinander zankten,
Wie Herr Gajus dies behauptet
Und Herr Ulpianus jenes,
Wie dann ſpätre drein gepfuſchet,
Bis der Kaiſer Juſtinianus,
Er, der Pfuſcher allergrößter,
All' mit einem Fußtritt heimſchickt'.
Und ich wollt' oft töricht fragen:
‚Sind verdammt wir immerdar, den
Großen Knochen zu benagen,
Den als Abfall ihres Mahles
Uns die Römer hingeworfen?
Soll nicht auch der deutſchen Erde
Eignen Rechtes Blum' entſproſſen,
Waldesduftig, ſchlicht, kein üppig
Wuchernd Schlinggewächs des Südens?
Traurig Los der Epigonen!
Müſſen ſitzen, müſſen ſchwitzen,
Hin und her die Fäden zerren
1 Die von dem oſtrömiſchen Kaiſer Juſtinian im 6. Jahrhundert veröffent-
lichte Sammlung von Geſetzbüchern, das „Corpus ĩuris civilis“, beruht teilweiſe
auf den älteren Werken der römiſchen Rechtsgelehrten Gajus und Ulpianus.
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