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Der Trompeter von Säckingen.
Abend war's, ſchon manche Meile
War der fromme Mann gewandert,
Da erſchaut er, wie der Rhein in
Zweigeteiltem Lauf einherfloß,
Und in grüner Flut lag grüßend
Vor ihm da ein kleines Eiland.
(Einem Sack gleich lag's im Rheine,
Und die Landbewohner, deren
Gleichniſſ' juſt nicht fein gewählt ſind,
Nannten's drum Sacconium.)
Abend war's, die Lerchen ſangen,
Schnalzend ſprang der Fiſch im Strom auf,
Und in Fridolini Herzen
Zuckte dankbar fromme Freude.
Betend ſank er in die Kniee,
Denn er kannt' die Inſel, die er
Längſt im Traume ſchon erſehen,
Und er pries den Herrn im Himmel.
Wohl ein mancher von uns andern
Spätgebornen Menſchenkindern
Träumt von einem ſtillen Eiland,
Wo ſich glücklich ließe niſten
Und das müde Herz ſich labt an
Waldesruh' und Sonntagsfrieden,
Und ein mancher zieht ſehnſüchtig
Auf die Fahrt — doch wenn ſein Fuß ſich
Am erträumten Lande wähnt,
Weicht es jäh vor ihm zurücke,
Wie im Süd' das wunderſame
Spiegelbild der Fee Morgana.
Mit Kopfſchütteln fuhr den fremden
Mann auf rohgefügtem Tannfloß
Dort ein wilder Schiffer über.
Rauh die Inſel; Lind' und Erle
Wucherten im ſumpf'gen Grunde,
Und am kieſelreichen Afer
Standen alte Weidenbäume,
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