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19¹⁰
1915⁵
1925
1930⁰
193⁵
1940⁰
1945
4. Zung Werners Rheinfahrt. 243
Kahn der Strudel wirbelnd packte,
Dreimal hob und dreimal ſenkte.
Bald erſchaute er des Schloſſes
Hohe Giebel, Erkertürme,
Mondumſchienen durch des Gartens
Mächtige Kaſtanien glänzen.
Gegenüber ragte niedrig
Aus den Fluten eine Kiesbank —
Unbewachſen — oftmals gänzlich
Überflutet ſie die Strömung,
Scherzend heißt der Mann im Rheintal
Sie den Acker Fridolini.
Dorthin trieb der ſchwanke Kahn jetzt.
Dorten hielt er — auf den ſpitzen
Kieſelboden ſprang jung Werner,
Und die Blicke hielten Umſchau,
Fragend, ob er Sie erſpähe.
Nichts erſchaut' er — als im fernen
Erkerturm ein fernes Lichtlein;
Aber dies ſchon war genug ihm.
O wie oft erquickt im Leben
Mächt'ger uns ein ferner Schein, als
Reiche Fülle des Beſitzes,
Und es gönnet ihm das Lied drum
Seine Freud', aus Rheines Mitten
Aufzuſchauen nach dem Lichtlein.
Vor dem traumumflorten Blicke
Lag ein neues reiches Leben,
Sonn'’ nicht glänzt, nicht Sterne drinnen,
Nur das eine kleine Lichtlein,
Und vom Turm, darin es brannte,
Kam mit leiſem Flügelſchlag die
Lieb' zu ihm herabgerauſchet
Und ſaß bei ihm auf der Kiesbank,
Auf dem Acker Fridolini.
Und ſie reicht' ihm die Trompete,
Die auch hieher ihn begleitet,
Und ſprach: „Blaſe, blaſe, blaſe!“
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