http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke2/0247
2065
2070
2075
2080
5. Der Freiherr und ſeine Tochter. 247
„Zwar ſie mögen“ — alſo dacht' in
Stolzem Katerſelbſtgefühl er,
„Guten Herzens ſein und einen
Fond beſitzen von Gemüte,
Doch es fehlt an gutem Tone,
Fehlt an Bildung, an Turnüre
Gänzlich dieſen ordinären
Autochthon'ſchen Waldſtadtkatzen.
Wer die erſten Katerſporen
Zu Paris verdient, wer einſtens
Im Quartiere von Montfaucon
Auf die Rattenjagd gegangen,
Dem gebricht's in dieſem Städtlein
Leider ganz an geiſtverwandten
Elementen für den Umgang.“
Iſoliert drum, aber würdig,
Würdig ſtets und ernſt gemeſſen
Lebt' er hier im Herrenhaus.
Zierlich ſchlich er durch die Säle,
Tief melodiſch war ſein Schnurren,
Und im Zorn ſelbſt, wenn er keifend
Seinen Buckel aufwärts krümmte,
Seine Haare rückwärts ſträubte,
Wußt' er immer noch die Anmut
Mit der Würde zu verbinden.
Doch wenn über Dach und Giebel
Leiſe kletternd er verwegen
Auszog auf die Mäuſejagd;
Wenn geheimnisvoll im Mondlicht
Seine grünen Augen blitzten,
Dann vor allen groß, dann wahrhaft
Impoſant war Hiddigeigei.
Bei dem Kater ſaß der Freiherr.
In den Augen zuckt' es oft ihm
Wie ein Blitz — oft wie ein milder
Strahl der untergeh'nden Sonne,
Und er dacht' an alte Zeiten.
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke2/0247