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6. Wie jung Werner beim Freiherrn Trompeter wird. 261
Und erwart' vorerſt, was für ein
Schickſal mir am Wege blühn wird.“
„Sehr vortrefflich“, ſprach der Freiherr,
„Wenn das ſo ſteht, mögt Ihr wohl den
Weitern Teil der Rede hören.
Aber laßt ſie uns mit einem
Trunke alten Weines würzen.“
Sprach's; des Freiherrn Sinn erratend,
Schritt zum Keller Margareta,
Brachte zwei verſtäubte Flaſchen,
Die von Spinnweb überzogen
Halb im Sand begraben lagen,
Brachte zwei geſchliffne Becher
Und kredenzte ſie den Männern.
„Dieſer wuchs noch, eh' der lange
Krieg im deutſchen Land getobt hat“,
Sprach der Freiherr, — „'s iſt ein alter
Auserleſner Wein von Grenzach.
Glänzend blinkt er im Pokale,
Schwer, gediegen, lauterm Gold gleich,
Und er haucht ein Düftlein, feiner
Als die feinſte Blum' im Treibhaus.
Angeſtoßen, Herr Trompeter!“
Hellauf klangen beide Becher.
Seinen leerend ſpann der Freiherr
Weiter nun des Wortes Faden:
„Seht, mein junger Freund, ſolang' die
Welt ſteht, wird's auch Menſchen geben,
Die auf Steckenpferden reiten;
Der liebt Myſtik und Askeſis,
Jener altes Kirſchenwaſſer.
Ein'ge ſuchen Altertümer,
Andre eſſen Maienkäfer,
Dritte machen ſchlechte Verſe.
's iſt ein eigner Spaß, daß jeder
Das am liebſten treibt, wozu er
Juſt am wenigſten Beruf hat.
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