http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke2/0294
294
Der Trompeter von Säckingen.
Schallzeug auf den Tiſch der Laube,
Schaute ſinnend in die Rheinflut
Von der Gartenmauerbrüſtung.
„'s iſt doch“, dacht' er, „immer noch der
Alte Zug in euch, ihr Wellen!
Nach dem Meere ſtrebt ihr haſtig,
Wie mein Herz nach ſeiner Liebe,
Und wer iſt dem Ziele ferner,
Grüner Strom — du oder ich?“
Solcherlei Gedankenrichtung
Unterbrach der Storch vom Turme,
Der anitzt zum erſten Male
Seine Brut am kühlen Rheinſtrand
Vaterſtolz ſpazierenführte.
's war ergötzlich anzuſchauen,
Wie die alterfahrnen Störche
In den Uferſand ſich ſchlichen,
Einem Aale aufzulauern, —
Der verſchiedentlich Gewürme
Mit Behagen dort verſchlang.
Aber er, der ſo das Strandrecht
An der kleinen Tierwelt übte,
Sollte ſelbſt bald Frühſtück werden,
Denn der Große frißt den Kleinen,
Und der Größte frißt den Großen:
Alſo löſt in der Natur ſich
Einfach die ſoziale Frage.
Nichts mehr half ihm ſeine Glätte,
Nichts des fetten Leibs Geringel,
Nichts ſein tiefgefühltes Schlagen
Mit dem ungeſchuppten Schwanze:
Eingeklemmt im zahn’gen Schnabel
Des entſchloßnen Storchenvaters
Ward er deſſen hoffnungsvoller
Jugend vorgelegt zur Teilung,
Und ſie hielten mit Geklapper
Würdig ihren Morgenſchmaus.
Dieſes ſonderbare Treiben
3755
3760
3765⁵
3775
3780
3785
3790
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke2/0294