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9. Lehren und Lernen. 297
Der Trompete, die jung Werner
Ihr, ſich leicht verneigend, darreicht.
Spielend lehrt er ſie, was einſtmals
Ihres Vaters Küraſſiere
In der Schlacht zum Angriff blieſen,
Nur ein paar unſchwere Töne,
Aber markig und bedeutſam.
Liebe iſt von allen Lehrern
Der geſchwindeſte auf Erden,
Was oft Fahre eh'rnen Fleißes
Nicht erreichen, das gewinnt ſie
Mit dem Zauber einer Bitte,
Mit der Mahnung eines Blicks;
Selbſt ein niederländ'ſcher Grobſchmied
Iſt ja einſtens durch die Liebe
Noch in vorgerückten JFahren
Ein berühmter Maler worden'.
Glücklich Lehren — glücklich Lernen
In der grünen Geißblattlaube!
's war, als ſtünd' des deutſchen Reiches
Letztes Heil auf dem Begreifen
Dieſes alten Reiterliedes,
Und doch ging durch ihre Seelen
Ganz 'ne andre Melodie:
Jenes ſüße, ſchöpfungsalte
Lied der erſten jungen Liebe.
Zwar ein Lied noch ohne Worte;
Doch ſie ahnten ſeinen Inhalt,
Und ſie bargen unter Scherzen
Dieſer Ahnung Seligkeit.
Von den Tönen angefochten
Kam der Freiherr, Rundſchau haltend,
Wollte zürnen, doch es wandelt
Bald der Grimm in heitre Luſt ſich,
Da ſein Kind ihm die Fanfare
Seiner alten Reiter blies.
1 Quentin Mafſſys, geſt. 1530 in Antwerpen. Die Erzählung iſt Sage.
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