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10. Jung Werner in der Erdmannshöhle. 305
Aus der Tiefe klang ein Rauſchen
Wie von fernem Bergſtrom auf.
Staunend ſah die Pracht jung Werner.
Glaubt', er träum' von einem hohen
Fremden Tempel, und es wurde
Schier andächtig ihm zu Mut.
Sprach ſein Führer: „Nun, mein junger
Freund, was denkt Ihr von des grauen
Männleins ſtill verborgner Klauſe?
Dies iſt nur ein Werktagshäuslein,
Manch ein ſchönres ſteht im Norden,
Steht auch in der Alpen Klüften,
Und das ſchönſte ſteht in Welſchland,
An dem Felſenriff von Capri,
Fern im Mittelländ'ſchen Meer.
Über blauen Seegrund ſpannt ſich
Dort des Tropfſteins hohe Wölbung,
Aus den Wellen blitzt und ſprüht ein
Blaues Feuer durch das Dunkel,
Schützend deckt die Flut den Eingang.
Die italiſchen Erdmännlein
Baden ſcherzend dort ſich mit des
Meeresalten Nereus Töchtern,
Und der Seemann ſcheut die Grotte.
Später einſtmals darf vielleicht ein
Deutſches Sonntagskind hineinſchaun,
So wie du, ein fahrend Spielmann
Oder ein leichtfert'ger Maler'.
Doch itzt komm, wir müſſen weiter!“
Mit der Leuchte ſchritt er vorwärts
In die Tiefe, Werner ſchaute,
Wild chaotiſch durcheinander,
Felſentrümmer unten ſtarren,
Über ſie entſtürzte ſchäumend
1 Die Blaue Grotte auf Capri wurde in weiteren Kreiſen bekannt, ſeit
der Dichter und Maler Auguſt Kopiſch 1826 zuſammen mit dem Heidel ⸗
berger Maler Ernſt Fries in ſie hineinſchwamm.
Scheffel. II. 20
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