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Der Trompeter von Säckingen.
Abgrundwärts der Höhlenfluß.
Über hohe Blöcke kletternd,
Traten ſie in einen Schacht ein.
Heimiſch war's dort; im Geviertraum
Bauten ſich die Felſenwände
Wie zu einer Siedelei.
Schlanke Säulen ſtanden ringsum.
Von der Decke niederträufend,
Langſam — durch Fahrtauſende in
Stetem Wachstum, hatt' der Tropfſtein
Sie gebildet, — andre waren
Unvollendet noch im Werden.
An die Säulen pocht das Männlein,
Und ſie tönten tief in fremdem
Rhythmiſchem Zuſammenklang.
„Sind geſtimmet nach der großen
Harmonie der Sphären“, ſprach er.
In der Klauſe lag ein Felsblocz;
Glatt und rundlich, einem Tiſch gleich.
Daran — ſtarr und ernſt und ſchweigend
Saß ein Mann, — als ob er ſchliefe,
Lehnt' ſein Haupt er auf die Rechte,
Steinern war das ſtolze Antlitz,
Und des Lebens Flamme zuckte
Nicht mehr drauf; dem trüben Auge
War wohl manche Trän' entſtrömet,
Stein geworden haftet jetzo
Sie am Bart und am Gewand.
Schauernd ſah den Mann jung Werner,
Schauernd frug er: „Iſt's ein Steinbild?
Iſt's ein Menſch von Fleiſch und Blut?“
Sprach ſein Führer: „Dieſer iſt der
Stille Mann, mein braver Gaſtfreund,
Den ich lange ſchon beherberg'.
War ein ſtolzes Menſchenkind einſt.
Fand ihn draußen in dem Tale,
Und ich wollt' den Weg ihm zeigen
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