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Der Trompeter von Säckingen.
Alſo blieb er in der Höhle,
Und der Schmerz, der erſt durchſtürmt' ihn,
Löſte ſich in milde Wehmut.
Oftmals ſah ich leis ihn weinen,
Oft, wenn ein melodiſch Wehen
Durch der Säulen hohlen Schaft zog,
Saß er dort, ſang ſchöne Lieder.
Doch allmählich ward er ſtummer,
Fragt' ich, was ihm fehl', ſo reicht' er
Lächelnd mir die Hand und ſprach:
‚Erdmann, ſchöne Lieder weiß ich,
Doch das ſchönſte hab' ich noch nicht
Dir verraten, das heißt Schweigen.
Schweigen — Schweigen: o fürtrefflich
Lernt es ſich in deiner Höhle,
Tiefe ſchafft Beſcheidenheit.
Aber kalt wird's, kalt hier unten,
Erdmann! und mein müdes Herz friert.
Erdmann, wißt Ihr auch, was Lieb' iſt?
Wenn du einſtmals nach Demanten
Gräbſt und find'ſt ſie — nimm ſie mit dir,
Pfleg' ſie gut in deiner Höhle.
Wirſt dann nimmer frieren, Erdmann!“
„Alſo klang ſein letztes Wort mir.
Schweigend ſitzt er nun ſeit Fahren
Dort am Fels, — iſt nicht geſtorben,
Lebt auch nicht, es wandelt langſam
Sich der ſtille Mann in Stein um.
Und ich pfleg' ihn; tiefes Mitleid
Hab' ich um den ſtillen Gaſtfreund,
Laß ihm oft den Klang der hohlen
Säulen ſeine Still' erheitern,
Und ich weiß, er hört es gern.
Ohne Euch zu nah zu treten,
Glaub' ich, Ihr auch ſeid ein Spielmann:
Mögt als Dienſt drum, den Ihr botet,
Meinem ſtillen Mann eins ſpielen.“
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