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12. Zung Werner und Margareta. 32
O
So wie einer, der das Aug' vor
Blendend lichter Sonne deckt;
Um die Lippen ſpielt ein Lächeln.
Lange ſchaut' ihn Margareta —
Lang' und länger, — alſo mocht' einſt
In des Ida Wäldern auf den
Süßen Schläfer, den Endymion,
Niederſchaun die Götterjungfraut.
Mitleid hielt ihr Aug' gebannet,
Ach! Und Mitleid iſt ein fruchtbar
Erdreich für das Pflänzlein Liebe.
Sie entſproßt aus unſichtbarem
Saatkorn dieſem reichen Boden
Und durchzieht ihn bald mit tauſend
Feinen feſten Wurzelfaſern.
Dreimal hatte Margareta
Schon den Schritt zur Tür gelenket,
Dreimal kehrte ſie zurück, und
Leiſe trat ſie an ſein Lager.
Auf dem Tiſchlein ſtand ein kühler
Heiltrank, ſtanden Arzeneien,
Doch ſie miſchte nicht den kühlen
Heiltrank, nicht die Arzeneien:
Beugte ſcheu zu ihm ſich nieder,
Scheu, — ſie wagte kaum zu atmen,
Daß kein Hauch den Schlumm'rer ſtöre,
Schaute lang' auf das geſchloßne
Aug', und unwillkürlich neigten
Sich die Lippen, — doch wer deutet
Mir das ſeltſam ſonderbare
Spiel der erſten Liebesneigung?
Schier vermuten darf der Sang, ſie
Wollt' ihn küſſen: nein, ſie tat's nicht,
Schreckte jäh zuſammen, — ſeufzte,
Schnell ſich wendend, einem ſcheuen
Reh gleich, floh ſie aus der Stube.
1 Die Mondgöttin Selene, die voll Liebe zu dem ſchönen Schläfer ſich legt.
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