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Der Trompeter von Säckingen.
Dein gedenkend, wollt' ich heut der
Worte ſchönſte Blumen pflücken,
Dir zum Kranz und Ehrenſtrauß:
Doch ſtatt Worten traten Bilder
Vor mich hin, anſchauend flog die
Seele über Zeit und Raum.
Fern in alten Schöpfungsgarten
Sah ich; jung lag dort die Welt im
Zarten Hauch des Erſt-Gewordnen,
Noch nach Tagen zählt' ihr Alter;
Abend war's, feinduft'ge Röte
Glänzt' am Himmel, in des Stromes
Fluten taucht' die Sonne nieder,
An dem Ufer, ſpielend, ſcherzend
Tummelten ſich die Getiere,
Durch der Palmen Schattengänge
Kam das erſte Menſchenpaar.
Schauten ſtumm ins Weite, in der
Jungen Schöpfung Abendfrieden,
Schauten ſtumm ſich dann ins Auge,
Und ſie küßten ſich —.
Wieder ſah ich, und es ſtieg ein
Düſter Bild vor meinem Blick auf:
Nacht am Himmel, Sturm und Wetter,
Berge berſten, aus den Tiefen
Schäumen die Gewäſſer aufwärts;
Überflutet iſt die alte
Erde, und ſie geht zu ſterben.
Nach der Klippe ziſcht die Brandung,
Nach dem Greis und nach der Greiſin,
Nach den beiden letzten Menſchen.
Jetzt ein Blitz: ich ſah ſie lächelnd
Sich umarmen und ſich küſſen,
5065
5075
5080⁰
Stumm ſich küſſen; — Nacht dann, — brauſend 00⁰°
Riß zur Tiefe ſie die Sturmflut.
So erſah ich's, und ich weiß jetzt,
Kuß iſt mehr als Sprache, iſt das
Stumme hohe Lied der Liebe,
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