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14. Das Büchlein der Lieder: Lieder des Katers Hiddigeigei. 353
Ja ſie tun uns bitter unrecht,
Und was weiß ihr rohes Herze
Von dem wahren, tiefen, ſchweren,
Ungeheuern Katzenſchmerze?
V.
Auch Hiddigeigei hat einſtmals geſchwärmt
Für das Wahre und Gute und Schöne,
Auch Hiddigeigei hat einſt ſich gehärmt
Und geweint manch ſehnſüchtige Träne.
Auch Hiddigeigei iſt einſtmals erglüht
Für die ſchönſte der Katzenfrauen,
Es klang wie des Troubadours Minnelied
Begeiſtert ſein nächtlich Miauen.
Auch Hiddigeigei hat mutige Streich'
Vollführt einſt, wie Roland im Raſen,
Es ſchlugen die Menſchen das Fell ihm weich,
Sie träuften ihm Pech in die Naſen.
Auch Hiddigeigei hat ſpät erſt erkannt,
Daß die Liebſte ihn ſchändlich betrogen,
Daß mit einem ganz erbärmlichen Fant
Sie verbotenen Umgang gepflogen.
Da ward Hiddigeigei entſetzlich belehrt,
Da ließ er das Schwärmen und Schmachten,
Da ward er trotzig in ſich gekehrt,
Da lernt' er die Welt verachten.
VI.
Schöner Monat Mai, wie gräßlich
Sind dem Kater deine Stunden,
Des Geſanges Höllenqualen
Hab' ich nie ſo tief empfunden.
Aus den Zweigen, aus den Büſchen
Tönt der Vögel Tirilieren,
Weit und breit hör' ich die Menſchheit
Wie im Taglohn muſizieren.
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Scheffel II.
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