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14. Das Büchlein der Lieder: Lieder des Katers Hibdigelgel. 357
XI.
Vorbei iſt die Zeit, wo der Menſch noch nicht
Den Erdball unſicher machte,
Wo der Urwald unter dem Vollgewicht
Des Mammutfußtritts erkrachte.
Vergeblich ſpähſt du in unſerm Revier
Nach dem Löwen, dem Wüſtenſohne;
Es iſt zu bedenken, wir leben allhier
In ſehr gemäßigter Zone.
In Leben und Dichtung gehört das Feld
Nicht dem Großen und Ungemeinen;
Und immer ſchwächlicher wird die Welt,
Noch kommen die Kleinſten der Kleinen.
Sind wir Katzen verſtummt, ſo ſingt die Maus,
Dann ſchnürt auch die ihren Bündel;
Zuletzt jubiliert noch in Saus und Braus
Das Fnfuſorien-Geſindel.
XII.
An dem Ende ſeiner Tage
Steht der Kater Hiddigeigei,
Und er denkt mit leiſer Klage,
Wie ſein Daſein bald vorbei ſei.
Möchte gerne aus dem Schaͤtze
Reicher Weisheit Lehren geben,
Dran in Zukunft manche Katze
Haltpunkt fänd' im ſchwanken Leben.
Ach, der Lebenspfad iſt holpernd,
— Liegen dort ſo manche Steine,
Dran wir Alte, ſchmählich ſtolpernd,
Oftmals uns verrenkt die Beine.
Ach, das Leben birgt viel Hader
Und ſchlägt viel unnütze Wunden,
Mancher tapfre ſchwarze Kater
Hat umſonſt den Tod gefunden.
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