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14. Das Büchlein der Lieder: Lieder des ſtillen Mannes. 361
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Dort, umrauſcht von Waldesfrieden,
Mag der kranke Sinn geſunden,
Und des Lenzes junge Blüten
Sproſſen über alten Wunden.
IV.
6005 Willſt die Welt du klar erſchauen,
Schaue erſt, was vor dir liegt,
Wie aus Stoffen und aus Kräften
Sich ein Bau zuſammenfügt.
Laß die Starrheit des Gewordnen
6100 Künden, was belebend treibt;
In dem Wechſel der Erſcheinung
Ahne das, was ewig bleibt.
Aus dem Dünkel eignen Meinens
Nie entkeimt dir friſche Saat,
bloõs Im Nachdenken nur erſchwingt ſich
Menſchengeiſt zur Schöpfertat.
V.
Die Blicke ſcharf wie der junge Aar,
Das Herz von Hoffnung umflogen,
So bin ich dereinſt mit reiſiger Schar
6110 In den Kampf der Geiſter gezogen.
Die Fahne hoch, gradaus den Speer —
Da wichen der Feinde Reihen;
O Reiterſpaß, dem fliehenden Heer
Die breiten Rücken zu bläuen!
61¹⁵ Doch kamen auch wir an jenes End',
Zu wiſſen, daß nichts wir wiſſen!
Da hab' ich langſam mein Roß gewend't
Und mich des Schweigens befliſſen.
Zu ſtolz zum Glauben — bin ich gemach
6120 In die Felskluft niedergeſtiegen;
Die Welt da draußen iſt oberflach,
Der Kern muß tiefer liegen.
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