http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke2/0371
6405
64¹⁰
6415
64⁴²⁰
6425⁵
6430
14. Das Büchlein der Lieder: Werners Lieder aus Welſchland. 371
Verhüllt ſtehn Tor und Mauern;
Es wogt und wallt wie ein Geiſterheer
Um Ceſtius' Pyramide her,
Was mögen die Toten wollen?
Jetzt zuckt und flammt um den Berg ein Licht,
Die grauen Wolken verfliegen;
Es kommt mit neidiſch gelbem Geſicht
Der Vollmond aufgeſtiegen.
Er ſcheint ſo grell, er ſcheint ſo fahl,
Er ſcheint mir mitten in Weinpokal,
Das kann nichts Gutes bedeuten.
Und wer von der Liebſten ſcheiden gemüßt,
Dem wird ſie nur um ſo lieber,
Und wer zu lang' in der Naͤchtluft ſitzt,
Bekommt in Rom das Fieber.
Schon löſcht die Wirtin die Lampen aus —
Felice notte! ich geh' nach Haus,
Die Zeche bezahl' ich morgen.
XIII.
Hell ſchmetternd ruft die Lerche
Mich aus dem Traume wach,
Es grüßt im Morgenſchimmer
Der junge Frühlingstag.
Im Garten rauſcht die Palme
Geheimnisvoll bewegt,
Ans ferne Meeresufer
Die Brandung ſchäumend ſchlägt.
Und ehern blau der Himmel,
Gülden der Sonnenſchein,
Mein Herz, was willſt du weiter?
Stimm' in den FJubel ein!
Und ſing ein Lied zum Preiſe
Deinem alten Gott und Herrn,
Er hat dich nie verlaſſen,
Du nur, du biſt ihm fern.
24*
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke2/0371