Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-2
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (2)
[1919]
Seite: 399
(PDF, 96 MB)
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Einleitung des Herausgebers. 399

zweifle nicht, daß ſie im „Hugideo“ ihre erſte Geſtaltung gefunden
haben. Die Namen der Dichtung ſind offenbar „redende“, um
einen Ausdruck der Heraldik zu brauchen. Und der reiche Steuer-
einnehmer unſerer Novelle „Aſinius Abundantius“ mit ſeinem
5 verzweifelten Anklang an asinus, „der Eſel“, und abundantia,
„der Reichtum“, nimmt heimliche Rache an dem Vater des Mäd-
chens, das Benigna Serena, die „Gütige, Heitere“, genannt
wird, an dem Vater, der den Bewerber abgewieſen, weil dieſer
nur ein „Hugideo“ war, d. h. „ein Diener des Gedankens“, ein
1o „Mann des Geiſtes“ (althochdeutſch hugi, „Gedanke“, und deo,
„Diener“)¹. .
Die künſtleriſche Wirkung der kleinen Erzählung ruht zunächſt
in der ſehr ſtarken einheitlichen Stimmung ſowohl als in dem
feinen und ſpannenden Aufbau der Handlung. Die Geſtalt des
15 Helden wird mit wenigen Strichen in großer geiſtiger Beſtimmt-
heit gezeichnet. Er tritt vor uns mit einer eigenartig geheim—
nisvollen Hantierung, die wir als Spiegelung tiefen ſeeliſchen
Erlebens empfinden, belaſtet mit einer dunklen Vergangenheit,
die uns lebhaft beſchäftigt und die nun in kunſtvoll analytiſcher
20 Darſtellung ſich allgemach erhellt, während die Handlung der
Novelle ſelbſt fortſchreitet. Es bedarf zum Schluſſe nur mehr
weniger aufklärender Worte des Dichters, uns das Weſentliche
mitzuteilen. Unſere Einbildungskraft über den Schlußſtrich hin⸗
aus in Bewegung zu halten, wird aber auch in ihnen nicht alles
5 einzelne ausdrücklich berichtet. Paſſend werden dieſe Worte ge⸗
ſprochen, nachdem der Dichter den Vorhang zugezogen, ſo wie
er mit einem kleinen Prologe vor dem Vorhang begonnen hat.
Hübſch und geſchickt wird ſo in der Novelle Gegenwart unmerklich
in Vergangenheit überführt und wieder in Gegenwart ausgeleitet;
30 die Theaterlichter ſind gelöſcht, wir werden nach Hauſe entlaſſen.

R

1 Dieſer Name iſt übrigens ſichtlich ebenſo eine Erinnerung aus alten
„Ekkehard“-Studien wie der Name des Fiſchers Nebi. Hugideo befindet ſich
unter den althochdeutſchen Namen, die Ch. F. Stälins von Scheffel eifrig
ſtudierte „Wirtembergiſche Geſchichte“, Bd. 1, S. 227, Anm. 2 (Stuttgart
1841) zufammenſtellt; auf der Seite vorher ſteht der alemanniſche Herzog
Nebi erwähnt, der Scheffel auch geläufig ſein mußte aus der „Vita S. Galli“,
1. II, c. 11, und Thegans „Vita Ludovici“, c 2, welche Geſchichtswerke
beide in demſelben 2. Bande der „Monumenta Germaniae historica“ ſtehen
(vgl. dort S. 23 und 591), der die „Casus S. Galli“, die Hauptquelle des
„Ekkehard“, enthält.


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