Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-2
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (2)
[1919]
Seite: 403
(PDF, 96 MB)
Bibliographische Information
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  (z. B.: IV, 145, xii)



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Hugideo. 403

Tage von dannen über den Rhein hinüber, und wie er
wieder kam, trug er einen Korb mit Fiſch- und Zagdzeug
auf dem Rücken und eine ſchneeweiße Marmorbüſte auf
dem Haupt und trug Geräte und Marmor den Berg hinan
5 in ſeine Klauſe.
Die Büſte aber war das Abbild einer jugendſchönen
Römerin, einer von jenen Köpfen, deren Anblick andert-
halb Fahrtauſende ſpäter den Altmeiſter Wolfgang von
Frankfurt anmutete wie ein Geſang des Homerus': — das
vo Haar in loſer Flechte am Nacken geknüpft, frei, edel und
groß das Antlitz, ein güldener Reif um die Stirn.
genſeits des Steinhäusleins, da, wo ein Felsvorſprung
Raum gibt in der Biegung des Berges, hämmerte der
Mann eine Niſche in die Wand und ſtellte das freide
16 Frauenbildnis darein, als ſollt' es der ſchirmende Geiſt
des Ortes ſein und aller, die unten vorüber ruderten.
Und auf daß kein ungeweihter Fuß ſich jener Stelle
nahe, ſteilte er die Felswand ſenkrecht ab und baute aus
Tannenſtämmen eine Zugbrücke, auf welcher er allein aus
der Klauſe Rückfenſter hinüberwandeln mochte. Was er
ſonſt trieb, ward nicht viel ruchbar im Land; Schiffer und
Fiſcher, die in leichtem Kahn rheinab fuhren, ſahen ihn
oftmals bei ſinkender Sonne drobenſitzen und hinaus—
ſchauen gen Süden; es war damals nicht Brauch, daß
einer ſich viel drum kümmerte, was der andere tat, und
noch viel weniger, daß von Obrigkeits wegen einem jeden
der Deckel von ſeinen Töpfen gelupft ward — ſo ließen
ſie ihn gewähren.
Der Rhein aber ſchuf dem Klauſenmann eine Arbeit
„o eigener Art, denn er hält beſondere Ordnung in betreff
der Toten, die ſeine Wellen forttragen ſollen. Wer fern
im Bodenſee oder an helvetiſchem Ufer ihm zur Beute
wird, den behält er und trägt ihn gelaſſen weiter durch
rauſchenden Fall und Strudel und Höllhaken? hindurch, bis

1 „Zu meiner Erquickung habe ich geſtern einen Ausguß des koloſſalen
gunokopfes, wovon das Original in der Villa Ludoviſi ſteht, in den Saal
geſtellt... Es iſt wie ein Geſang Homers.“ Goethe in der „Italiäniſchen
Reiſe“ unterm 6. Jarinar 1787. — ² So heißt der Strudel bei Rheinfelden.
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