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404 Hugideo.
er den weſtwärts gewendeten Lauf umkehrt; aber zur
Wanderung gen Norden und in des Rheingau fröhlich
Rebengefild' nimmt er die Leichen des obern Landes nicht
mit, und in der ſtillen Bucht am Klotz von Iſtein ſpült
er ſie ſorgſam ans Ufer.
Da kam oftmals Nebi, der Salmenfiſcher, zum Klaus—
ner geſtiegen und rief ihn herab, den ſtillen unbekannten
Gäſten die letzte Ehre zu erweiſen, und ſie ſchaufelten
manchem ein Grab, den bei Schaffhauſen oder im toſen-
den Strudel von Laufenburg die Wellen verſchlungen, und
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manchem, den an der Aar oder Reuß der Fiſchfang ins
Verderben geführt; — kam auch mancher geſchwommen,
deſſen Schädel von alamanniſchem Schwerthieb klaffte odee
deſſen Bruſt noch eine abgebrochene Speerſpitze trug...
Alte und Junge, Nackte und Bekleidete, wie ſolche, die nur
noch einen Bundſchuh am rechten Fuß oder ein zerriſſen
Lederwams am Leibe trugen: alle wurden ſie mit gleichen
Ehren empfangen und in gleicher kühler Erde eingeherbergt.
Im vierhunderteinundfunfzigſten Zahre war ein mil⸗
der Frühling aufgegangen und hatten nicht viele Leute
Muße, dem Sproſſen der Schlüſſelblumen und Sang der
Nachtigallen zu lauſchen. Vielmehr war ein Drang in alle
diesſeits des Rheins gefahren, als müßten ſie ſelber Zug—
vögel werden und gen Süden und Weſten ausſchwärmen,
nicht Singens halber, ſondern bewehrt und beſchildet auf
Beute, Raub und Bölkerſchlacht.
Und wieder kam Nebi, der Salmenfiſcher, herauf und
ſprach: „Hängt Euer langes Gewand an den Nagel, Hu—
gideo, und rüſtet Euch zur Heerfahrt: ſchon ſteht der König
Etzel mit ſeinen Hunnenreitern unten gegenüber von
Worms, und ſein heller Haufen wird über den Rhein
ſchwimmen, daß denen drüben Hören und Sehen vergeht.
's iſt noch manch Stück Beute zu holen und manch römiſch
Mutterſöhnlein totzuſchlagen. Wir ziehen auch mit im
großen Hunnenſchweif: ‚Alles muß ruiniert ſein!“ ſagt
Herzog Krokus' ſelige Großmutter¹!“
1 Bgl. das Gedicht vom „König Krok“ (Bd. 1, S. 217 dieſer Ausgabe)
und die dort als Leitwort angeführte Stelle aus Gregor von Tours.
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