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Hugideco. 40 5
Aber der Klausner ſchüttelte ſein Haupt und ſprach:
„Nein!“ Da ſagte Nebi: „So beſorgt ſtatt meiner den
Salmenfang.“
Maählich ward's lebhaft und kriegslärmend am Rhein,
die Volksgemeinden beſchloſſen auf ihren Malſtätten, ſich
den Hunnen zuzugeſellen und mit ihnen den großen Ver⸗
nichtungszug ins Herz von Gallien zu tun; im Schwarz-
wald klang die Axt, und viel Flöße kamen rheinab ge-
chwommen, Kahn und Brückenholz zum Rheinübergang
zu beſchaffen; wer ein roſtig Schwert hatte, ſchliff es blank,
wer eine Neige Weins im Keller barg, trank ſie aus —
die mongoliſche Gottesgeißel wirkte wie Magnet und zog
das germaniſche Eiſen an. L
Einſtmals kam ein Schwarm des jungen reiſig ſtreit-
yͤ baren Volkes zu Hugideos Klauſe, ihn zwangsweiſe mit-
zunehmen zur Heerfahrt, und ſie ſprachen: „Heraus, du
Höhlenſitzer, Bergſpaltmeiſter, Zeitverträumer! heraus
und mit uns! der Etzel ſoll leben, der große Held! kannſt
drüben im Gallierland auch Tote begraben, dafür ſoll dir
v geſorgt werden.“ Er aber ſprach wieder: „Nein!“ und
wie ſie einen Grund wiſſen wollten, ſprach er: „Ich bin
ein freier JZuthung' und eurer Zent am Rhein nicht pflich⸗
tig, und wenn ich nein geſagt, ſo weiß ich niemand im
Himmel und auf Erden, der mich zwingen ſoll, einen
Grund dafür anzugeben!“
Da ſchalten ſie ihn ein unmännlich Herz, einen Abtrün—
nigen, der, wie einſt Serapion der Alamann, von frem—
der Prieſter Witz betört, Vaterland, Heerpflicht und den
eigenen Namen vergeſſen'?.
„ Hugideo aber fuhr unter ſie wie ein Bär unter die
Rüden und ſcheuchte die Schelter mit blutigen Köpfen zur
Klauſe hinaus; und wie ſie in ganzer Schar anſtürmten,
trat er an das Klauſenfenſter, ſchwang ſich über die Zug⸗
1 Seit dem 5. Jahrhundert verſchwindender Name eines Teilvolks der
Alemannen. — 2 Von dern Alemannenfürſten Serapio, Neffen des Chnodomar,
der 357 bei Straßburg gegen Julian mitkämpfte, berichtet Ammianus Mar⸗-
cellinus (XVI, 12), daß er eigentlich Agenarich geheißen, von ſeinem Vater
Mederich aber Serapio genannt wurde, als dieſer, lange in Gallien ver⸗
geiſelt, mit griechiſchen Mpſterien bekannt geworden.
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