Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-2
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (2)
[1919]
Seite: 407
(PDF, 96 MB)
Bibliographische Information
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  (z. B.: IV, 145, xii)



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Hugideo. . 407

Flügel mit Franken und Gepiden wider des Aetius Legio⸗
nen gefochten. „Waffen und Weh!“ fuhr er fort, „Waffen
und Weh! König Etzels Kapp' iſt zerſchnitten, ſein Man⸗
tel abgeſägt, unſre Beſten ſind tot, was übrigblieb, hat
kehrt gemacht, in wenig Tagen kommt das Heergefolg
heim... es ſteht unterwegs noch etliches zu verwüſten,
ſonſt wären ſie ſchon da, wie ich.“
Hugideo aber ging wieder hinüber auf ſeine Felsplatte,
und wie er jetzt nach ſeinem teuern Steinbild ſchaute,
war der Marmor roſtfleckig und eiſenfarbig überlaufen
von dem aus den Steinritzen träufenden Kalkgewäſſer.

Darum nahm er's heraus und ſtellte es auf die Mauer

der Felsterraſſe und reinigte es ſorgſam — und wie er
davorſtand und ſeinen Blick darauf haften ließ, als wolle
er ſich ganz verſenken in die Pracht der Züge, da ward
ihm plötzlich, als ob dies Haupt voll ſtiller Majeſtät auch
zu ihm herüberblicke mit beſeelten Augen, ein ſeliger
Schauer zog durch des einſamen Mannes Herz, und er
drückte einen Kuß auf die ſteinerne Stirn. Da wich die
Büſte von dem Mauerrand und ſtürzte hinab, ſchlug an
bie Felskanten auf, ohne zu zerſchellen, ziſchte in die Rhein⸗
flut und verſank...
Lange blickte ihr Hugideo nach, bis daß die letzten

Vaſſerringe auf dem Spiegel der Wellen zerronnen waren,

dann lächelte er vor ſich hin, ging in ſeine Klauſe hinüber,
griff Schaufel und Hacken und grub ein Grab am Abhang

ſeines Berges — ſeitwärts von der Rheingeſtrandeten ge⸗

meinſamen Ruheſtatt.
Wie er aber nach vollendeter Arbeit wieder zur Klauſe
heimgekehrt war, kam plötzlich ein Gedanke über ihn, als
habe er etwas zu tun vergeſſen — „noch etwas“, ſprach
er, „noch etwas!... Wie ſteht geſchrieben in dem Lieder⸗
buch, deſſen Sprache ſie mich einſt gelehrt?
„Tesspectem, suprema mihi cum venerit hora,
te teneam moriens deficiente manul...“

1 „Dich will ich anſchaun, denn mein letztes Stündlein gekommen iſt,
dich ſterbend umfaßt halten mit ſinkender Hand.“ Aus einer Elegie Tibulle
C, 1, 59).


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