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420 Juniperus.
„rechtſinniger Hiſtoriographus und Lehrer der freyen
Künſt nicht allein Buchkammern und Käſten fleißig
durchſuchen; allerlei Handſchriften, alte Freyheit, Ueber⸗
gabbrieff, Chronica, Ruff, Reimen, Sprüch, Lieder,
Abenthewer, Geſäng, Betbücher, Meßbücher, Salbücher, 5
Calender, Todtenzettel, Regyſter der Heyligenleben“
durchleſen und abſchreiben, ſondern auch in eigener Perſon
„Hitze und Kälte, Schweiß und Staub, Regen und Schnee,
Winter und Sommer erleiden, der alten und zerbrochenen
Stätt, Flecken und Burgſtall Gelegenheit erforſchen und
erfinden, alle Stift und Klöſter durchfahren, Heiligthumb,
Seulen, Bildniß, Creutz, alte Stein, alte Müntz, Gräber,
Gemäld, Gewölb, Oeſtrich, Kirchen, Ueberſchriften be—
ſuchen und beſichtigen“ und überhaupt ſeine beſſeren Ge—
danken wandernd und ſchauend auszudenken beſtrebt ſein.
Solche Vorſchrift für richtig und weiſe erachtend, hat
auch der Schreiber dieſes Vorworts jezuweilen ſeine Bü⸗
cherei abgeſchloſſen, die Reiſetaſche des Fahrenden um—
gehangen und gleich dem alten Aventinus „manch eynen
Winkel durchloffen und durchkrochen“. Und er zählt die 2
Tage nicht zu den unlehrſamſten, da er die Ruinen der
hegauiſchen Bergfeſten erkletterte oder an der Wutach
trümmerreichen Ufern durch ſchattiges Dickicht ſich zwängte
oder als rudernder Talwegfahrer ſeinen Kahn anlegte an
der rheinumfluteten Kloſtermühle der gaſtlichen Mönche 2
des heiligen Fintan.
Nur auf jenen Pfaden, auf welchen er an einem kalten
Faſtnachtmontag von den Degginger Höhen zum tief—
grünen Forellenwaſſer des Wildbachs Gaucha hinab—
rutſchte, wünſcht er ſich keinen ſeiner liebwerten Leſer 5.
zum Nachfolger.
Während ſolcher Gänge waren die Gedanken erfüllt
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