http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke2/0430
4 30 Juniperus.
Gaden? VWeil droben aus des Geſteines Ritzen eine
große Wachholder aufgewachſen iſt und ihr ſtachlig Geäſt
heraufſtreckt zum Fenſter! Muß immer dort was herum—
zukniſtern haben, Zweiglein auf die Kappe ſtecken, Beeren
im Munde führen, Wurzeln im Sack nachſchleppen.
„Wo all dies hinauszielt, weiß die alte Petriſſa nicht...
aber ein ſtrenger Kriegsmann wie ſein Vater wird er
kaum, ſonſt wäre er geboren im Zeichen des Planeten
Mars und trüg' einen Sinn für Feuer und Eiſen und
Erz im Erdboden, ſtatt für Waſſer, und Neigung zu Roß
und Gewild, ſtatt zu Strauchwerk. Und dennoch deutet
ihm Wachholder Späne und Stiche mancherlei.“
„Dieſer Rede hab' ich zugehöret und ſie wohl im Ge⸗
dächtnis behalten. Mein Vater aber lachte und ſprach:
„Gib dich zufrieden, du Burgfabuliererin; ſo etwas in
ihm ſteckt, wird's auch zutage kommen. Und, ſo Gott in
Ungnaden es gefügt hat, am Ende gar ein Scholaſtikus.
Brüder hat er genug, die ein Strèeitroß tummeln; wollen's
verſuchen und ihn in eine Kloſterſchule eintun.“
„Wenige Tage darauf ſtund das große Ritterpferd ge—
ſattelt und die Muhme hatte mir ein Bündelein zurecht—
gerichtet und ſchöne Schreibtafeln und hängte mir einen
wohlgeſchnitzten Griffelfiſch an den Gürtel, und mein
Vater hieß mich wie ſonſt vor ſich in den Sattel ſitzen
und ritt mit mir in das Kloſter zu Rheinau am Rhein
und übergab mich dem Abt Heinrich, der ihm wohl be—
freundet war. Die Kloſterbrüder zogen mir ein lang Ge—
wand an, ſchoren meine Locken und wieſen mich zu den
andern, die dort zu Schule und Unterweiſung in den freien
Künſten eingetan waren.
„Und ſo war mir's ergangen wie den Waſſertropfen,
die von unſerem Burgdach ſüdwärts abfließen. war
vom Neuenhewen mitten in den Rhein gekommen, wußte
nicht warum. Dort auf der ſtillen flutumrauſchten Inſel
im krummen Umſchweif des jungen Stromes, wo des
heiligen Fintan aus Frland Gebeine ruhen, hab' ich gute
Tage und Fahre in Fleiß verlebt.. und mich gehaͤlten
wie ein guter Kloſterſchüler und die lateiniſchen Buch—
—
0
—
5
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke2/0430