Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-2
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (2)
[1919]
Seite: 431
(PDF, 96 MB)
Bibliographische Information
Startseite des Bandes
Zugehörige Bände
Freiburg und der Oberrhein

  (z. B.: IV, 145, xii)



Lizenz: Public Domain Mark 1.0
Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke2/0431
Juniperus. 431

ſtaben leſen und ſchreiben gelernt und kein ander Ziel

O

gehabt, als mit den JFahren ſelber ein frommer Bruder
zu werden, der am Steinſarg des irländiſchen Heiligen im
Chor der großen Kirche ſeine Pſalmen ſingt, im Scrip-
torium die alten Schriften abſchreibt und an des Abtes
Tafel mit benedicite und laudate dominum den herzſtär-
kenden goldgelben Korbwein trinken darf.
„Die Sprache der Lateiner aber ging mit voller Ge—
walt in meiner Seele auf; oft wandelte ſich mein Denken
aus der Mutterſprache in ein lateiniſches, und wenn bei
ſonntäglichem Hochamt die Orgel ihren Vollton durch des
Münſters Gewölbe brauſen ließ, ſo klang es in mir wieder
von Hymnen und frommen Chören der Altväter, als

müßt' ich das Rauchfaß ſchwingen und in des Weihrauchs

15

weiß emporwallendes Gewölk lateiniſche Lobpſalmen
hauchen zu Ehren des Herrn Himmels und der Erde.
„Unſer Lehrer Tannaſtus tummelte ſich im Wiſſen der
Alten nicht ſo feſtgeſattelt, daß allzuviel von ihm zu lernen
ſtand. Oft hub er den Zeigefinger und ſprach: Pax Dei,
Gottfried, mein Sohn, laß dir Zeit. Brauchſt heute nicht

mehr auf die Spitze der Eloquenz und des Parnaſſus

25⁵

35

emporzuklimmen, morgen iſt auch noch ein Tag, ſprach
Cicero, da er nach dem Mittageſſen ſchlafen ging.
„Aber ich ließ ungern ab, und als wir, in die Klaſſe
der Poeſie vorgerückt, angeben ſollten, wen ſich ein jeder
zu nacheiferwertem Vorbild erwähle, gab ich an: ‚Ich
möchte werden wie des Grafen von Veringen teuerwerter
Sohn Hermann der Lahme, der vor hundert Jahren als
Stern der Wiſſenſchaft in der Reichenau erglänzte, und
wollte es willig hinnehmen, mangelhaft auf den Füßen
zu ſtehen, wenn ich wie er die hehren Hymnen „Salve
Regina“ und „Alma redemptoris mater“ angefertigt und
erlebt hätte, daß die Kirchen der Chriſtenheit von ihren
Klängen erſchalleten. Und gleich ihm möcht' ich ein Prä—
fekt der Schule werden und alte und neue Geſchichten in
ein Chronikbuch verzeichnen und Muſikinſtrumente erſin—
nen und denen, die im Herren ſtarben, ſchöne Diſticha zu
Grabſchrift machen, wie jener ſeiner Mutter Chiltrudis.“


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke2/0431