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432 Juniperus.
„Da ſprach Tannaſtus der Lehrer:, Pax Dei, Gottfried,
mein Sohn, dein Eifer iſt gut. Und deinem Vorbild
immer näher zu kommen, ſollſt du ſtatt meiner die Hand—-
ſchrift von des ehrwürdigen Beda Unterricht in der me—
triſchen Kunſt, die wir von den Reichenauern leihweiſe
erhielten, abſchreiben.“
„Und in den Stunden, da er im Scriptorium arbeiten
ſollte, ſetzte er mich an ſeinen Schreibtiſch und ging dafür
Weinprobe zu halten mit dem Cellerarius. Dieweil jener
in außergeſetzlicher Zeit die Ausleſe des am gewunde—
nen Hügelufer des Rheins prangenden Rebengartens, der
Korb genannt, trank, ſchlürfte ich ſtatt ſeiner noch edleren
Korbwein aus des Angelſachſen Kommentaren. .und
ſo tief hat ſich alles mir eingeprägt, daß ich heute noch
vermöchte, ſeitenweiſe aufzuſagen, was auf jenen Perga—
menten geſchrieben ſteht von ſapphiſchem Metrum und
iambiſch hexametriſchem und iambiſch tetrametriſchem,
von Schema und Tropus, Rhythmus und Modulation.“
„Habt auch redlich Vortrag darüber gehalten, dieweil
das Wundfieber Eure Zunge zum Phantaſieren zwang“,
ſprach einer der gern zuhörenden Waffengefährten.
„So kam es“, fuhr der Füngling fort, „daß all meine
Lerngeſellen mich den Lateiner hießen, und weil ich, wie
meine Muhme ſchon früh erwittert, in ſeltſamer Nei—
gung zum Strauch Wachholder oft mit einem Zweiglein
desſelben im Gürtel vor ihnen erſchien oder Speiſe und
Trank mit den ſchwarzen Beeren verſetzte, gaben ſie mir
den Übernamen Zuniperus, der iſt mir durch alle Fahre
hindurch verblieben, daß bald keiner in der Abtei anders
wußte, als ich ſei Funiperus getauft, wiewohl ſie ſolchen
Heiligen vergeblich im Kalendarium geſucht hätten.
„In ſelbiger Zeit gewann ich einen Freund, der war
wie ich Schüler im Kloſter und ſchlief in derſelben Kam—
mer, ein treues ſtilles Menſchenkind und bald mir unzer-
trennlich; hieß Diethelm von Blumenegg.
„Im wilden Wutachtal ſtand der Burgſtall, darauf die
Seinen als Dienſtmannen der Zäringiſchen Herzoge ſaßen.
Oft fügte es ſich in fröhlicher Vakanzzeit, wenn wir als
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