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436 Juniperus.
lich zuſammen oder flohen im wilden Rennlauf und i
mußte zu ihrer Verteidigung den Feind kampflich beſtehen.
„Die erſte der Töchter hieß Liutgard, zu der ſagten wir
kurzweg Luggi; die zweite der Töchter hieß VBrmgard, zu
der ſagten wir kurzweg Brmi; die dritte hieß Rothraut,
der gaben wir keinen Beinamen.
„Die Rothraut war nicht wie ihre Schweſtern: jene
ſchlank, hochgewachſen in ihres Vaters Art, gutmütig, ſcheu
und ſittig .. ſie minder groß, minder ſchön, feſſelnd durch
unergründbar Spiel der Seele im großen dunkeln Auge
.. ungleich im Weſen, oft ausgelaſſen wild, dann wieder
verſchloſſen und verträumt und niemanden anſchauend als
die Fiſchlein im Becken des Donauquells. zumeiſt ein⸗
herwandelnd wie eine Katze, die ſich ihrer ſamtweichen
Sauberkeit freut und ſtets bereit hält, mit ſcharfem Sprung
den harmlos ſie umhüpfenden Vogel zu erkrallen..ſo
ging ſie mit unnachahmbarem und keckem Wurf des Haup-
tes durch die Leute, mit niemanden Freund, ſelten um
ein ſpitzig Wort verlegen und dennoch vielen wohlgefallend.
Wenn ihre Vettern geritten kamen, der Bikk von Almis-
hofen von der Neuenburg am Gauchenbach, der Hug von
Almishofen, deſſen Haus zu Opferdingen ſtand, und Sym—
phorion, der Kirchherr von Bmmendingen, den ſie Sym—
phorion den Dusler nannten, ſo drängten ſich alle um die
Rothraut, mit ihr zu reden und zu ſpielen, und die Schwe—
ſtern gingen leer aus.
„Wenn die ſich am Spinnrocken und mit Arbeiten der
Frauen die Zeit kürzten, huſchte die Rothraut bei ihres
Vaters Falkenmeiſter herum und ließ ſich unterweiſen,
wie der Stoßvogel auf der Hand zu tragen, wie ihm die
Kappe abzunehmen und wie er mit ſicherem Wurf in die
Luft zu ſchwingen..Hder ſie ſtreichelte das Schimmel—
füllen, das im Baumgarten weiden durfte, und ſprach:
‚Bis das groß geworden, bin auch ich groß und hab' ein
Jagdkleid von braunem Scharlach und einen Sattel mit
klingenden Schellen, dann muß mir der Vater das weiße
Roß ſchenken und ich reite mit euch ins Ried und reite
durch Strauchwerk und Gräben und Sumpfesgefahr auf
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