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438 Juruͤperus.
„Er mochte recht haben. Mein großer fröhlicher Herz—
bruder ward täglich ſtiller und ſchweigſamer und floh ſeine
Geſellen ... es war zur Fehde kommen zwiſchen ihm und
der Freude. Oberhalb des Felix Regula Kirchlein beim
Badeplatz auf grünem Dammſtund ein alter Weidenſtamm
morſch und hohl, die Höhlung dem Talweg des Rheines
zugekehrt. Dort ſtörten wir ihn oftmals auf, daß er ſich
eingeniſtet hatte und vom hohlen Baum umſchildet hinab-
ſtarrte in die kräftig ſtrömenden Rheineswellen, wie ein
in Sorgen Schwebender, und den Ruf des Glöckleins über⸗-
hörte, das zur Lernſtunde mahnte oder zur Beſpermahlzeit.
„Keinem verriet er, was ihn drückte. Da fiel nächtens
einmal der Mondenſchein voll in unſere Stube und brach
mir den Schlummer. Die Augen öffnend ſeh' ich den
Diethelm auf ſeinem Lager aufgerichtet knieen; um die
Bruſt trug er allzeit eine große ſilberne Kapſel, ſeiner
Mutter Geſchenk, eine Heiligenreliquie dreingefaßt.. wie
er die Kapſel eröffnete, erſah ich, daß er eine welke Herbſt
aſter dreingelegt hatte, und er küßte ſie und netzte ſie mit
rinnenden Tränen. Leiſe ſtand ich auf, ſchritt zu ihm hin—
über, ſchlang den Arm um ihn und ſprach: ‚Diethelm,
Trautgeſell, was weineſt du?“ Er aber ſtieß mich unſanft
zurück und rief drohend: ‚Was kümmert's dich, Juniperus,
apage, geh' ſchlafen!“
„Nachdem er aber wegen Einſchneidens eines großen
R-Buchſtabens in die Holzdecke eines Pſalterbuches eine
Strafe mit Ausſchließung vom gemeinſamen Tiſch, Waſſer
und Brotkoſt erduldet, wachte ich nächten wieder auf und
ſah ihn halbangekleidet von ſeinem Lager weggehen, das
Fenſter aufreißen und ſich hinausſchwingen. ‚Wohin,
Diethelm?' rief ich betroffen. ‚Fort, Funiperus, auf Nim⸗
merwiederkunft’, gab er zur Antwort und ſaß ſchon im
Geäſt der Ulme, die vom Rhein zu unſerem Fenſter em—
porragte, und ließ ſich hinabgleiten, ſprang in das Waſſer
und ſchwamm wohlgemut über an das rechte Ufer.
„ Des war ich ſehr betrübt, und es ſummte mir an jenem
Tage lange eine lateiniſche Reimfügung durch den Kopf,
die endigte:
„
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