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446 Juniperus.
„Anmutig zog ſich Herr Rainald aus ſeiner Narretei⸗-
verpflichtung. Er führte in jenem Gang des Hauswirts
älteſtes Töchterlein, die Liutgard. Als zweites Paar folgte
ich mit der Brmi; der Blumenegger führte die Rothraut.
Wie die Floitierer und Tamburer das Zeichen gaben, ſprang
der von Urſelingen wacker hinab, griff den Becher, nickte
vergnüglich mit dem großen Eisvogelhaupt und ſprach:
,‚Im Reifenglas den rheiniſchen Wein, den Donauquell zu
Füßen, ſoll hier der Preiß getrunken ſein, der Wonnig⸗
lichen, Süßen. Der Becher leider klein iſt, darin der gute
Wein fließt, das Waſſer quillt ohn' Ende: wüßt' ich's in
Wein zu kehren, den ganzen Quell zu leeren, ſpräng' ich
hinein behende.“
„Damit verdiente er denn vollen Beifall, und als er
mit geleertem Pokal waſſertriefend zurückſchritt, hub ſich
Zuruf und Händeklatſchen, und wer am meiſten klatſchte
und ihm ein Zweiglein ihres Straußes zuwarf, war die
Rothraut, ſo daß der Diethelm an ihrer Seite ungeduldig
mit dem Fuß aufſtampfte. Rainald der Eisvogel nahm
deſſen nicht wahr, unbemerkt von ihm entſchwand der
Zylandzweig in der Quellflut. Das hatte auch mir die
Gedanken erregt und gewirrt.... immer die Rothraut...
überall die Rothraut.. und alles, was ſüßleidenſchaft-
lich die Gedanken dachten, in lateiniſchem Tonfall die
Seele durchſchütternd... Als die Reihe an mich kam,
vergaß ich ganz, daß als Tanzgefährtin ihre Schweſter,
nicht ſie, an meiner Seite ſchritt, und vergaß, daß latei-
niſch nicht deutſch iſt, ſprang in die Flut, hob den Zweig
auf, den die Rothraut dem Rainald zugeworfen, ſteckte
ihn an die Bruſt, griff den Pokal, da ihn der Mund—
ſchenk hinabreichte, und rief:
‚O formosa set spinosa
Rotraud Almishovae rosa
Te salutant hospites*!“
* Dornentragende, ſchöne, loſe,
Rothraut, Almishofens Roſe,
Alle Gäſte grüßen dich.
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