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Juniperus. 447
„Ehe ich aber den Pokal an die Lippen ſetzen konnt',
war der Diethelm mit großem Sprung in den Quell ge-
ſprungen, hielt meinen Arm gepackt und ſprach: Wie
magſt du wagen, für die zu ſprechen, die ich im Reigen
führe, Vrmi heißt dein Tanzgeſpons und nicht Rothraut!“
Und er ſtrebte mir den Pokal aus der Hand zu winden
und rief: ‚Der Spruch ſoll gelten, aber Diethelm von
Blumenegg iſt's, der das Wohl der Almishofer Roſe trinkt!
Über die Brüſtung ſchalt Herr Rainald zu mir herunter:
‚Iſt das courtoys, des Tanzes Brauch und Ordnung
brechen? Und iſt das courtoys, mit Namen zu nennen,
wen ritterlich man ehrt? Und iſt das courtoys, in Minne-
ſache Pfaffenſprache?? Oben am Quell ſtand gekränkt
VBrmi, meine gute blauäugige, ſanft ſich anſchmiegende
Tänzerin..das Antlitz verfärbt von Röte und darüber
ſtrömenden Tränen. Den Strauß vor die Lippen haltend,
kalt, mit durchbohrendem Blick ſprach die Rothraut zu ihr:
‚Iſt ein Kloſterlateiner, wird zeitlebens kein ritterlicher
Minner .. So ſtürmte es von allen Seiten wider
mich los.
„Der gröblichſte von allen war des alten Markwart
Vetter, der Bikk von Almishofen, der auf der Neuenburg
an der Gaucha ſeinen Sitz hatte; der rief: ‚Holet Strick
und Eiſenkette, daß wir den pfafflichen Ritterknaben ge—
feſſelt in ſein Kloſter zurückſchicken, dem er zu Unrecht
entronnen ... die lateiniſchen Schnäbel taugen nicht
zu uns!'
„So ſtund ich, ein Unſeliger, im Quell und ſenkte das
Aug' auf den weißen Sand, den das klar aufſprudelnde
Gewäſſer quirlend emporhob. Den Diethelm ließ ich den
Pokal nicht gewinnen, drehte ihn um, daß der goldene
Wein ungetrunken verſtrömen mußte in das Donauwaſſer,
dann ſtieß ich den Angreifer zurück: ‚Wem nicht gefällt,
was ich getan, ſprech' ich, dem will mein Schwert Ant-
wort ſtehen! Hier aber ſind minnige Frauen und gaſtliche
Wirte... Vergebung, wenn es zu Unrecht war. An der
Faſtnacht iſt jeder ein Narr in ſeiner Art, Narrö!'
„Und ich winkte den Spielleuten, daß ſie mit Muſik ein⸗
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