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fielen, und ſtieg heraus, mich wieder zu meiner Reigen.
gefährtin zu geſellen.
„Da unterbrach eine fremde Erſ cheinung den Tumult.
„Auf einem Eſel ſitzend war ein weißbärtiger Alter
in den Baumgarten eingeritten, den hielten die andern
Gäſte erſtlich auch für einen Faſchingsgaſt z entblößten
Hauptes, den Leib in einen groben Sack geſteckt, welcher
der Arme Bewegung kaum freiließ, lenkte er ſein Tier;
zur Seite ſchritten zwei Knaben, die trugen wie Kirchen⸗
fahnen gemalte Bilder an Stangen. Wie man aber näher
zuſchaute, war auf dem erſten Bild der Heiland gemalt,
den geißelte und ſchlug ein Sarazen, ſo daß ſein Antlitz
blutrünſtig war.. und auf dem zweiten ſtund das Heilige
Grab zu Jeruſalem zu ſehen, das war von Saladins Rei-
tern zerſtampft, verunreint, zu einem Stall umgewandelt.
„Der Alte auf dem Eſel war der Bruder Berthold von
Gnadental, der drüben in der Scharte des Längenberges
hinter Neidingen ſein Klausnerhäuslein hatte. ‚Wehe',
rief er, wehe! in Sack und Aſche klage dich, o Chriſten-—
heit! ſehet euern Herrn und Heiland, wie ihn Muham⸗—
med der Lügenprophet mißhandelt; ſehet ſein Grab, für
das unſere Bäter ihr Herzblut gaben, wie trauert es itzo
geſchändet! Vernehmet die Botſchaft des Fammers und
der Schmach! Der Biſchof von Konſtanz hatte ihm Briefe
mitgegeben, von den Chriſten jenſeit des Meeres in ihrer
ſchweren Bedrängnis an den Papſt und ihre abendlän—
diſchen Brüder um rettenden Beiſtand geſchrieben. .itzt
wollte er den Trauerbericht vorleſen über der Tempel—
herrn Untergang vor Tiberias, über des heiligen Kreuz—
ſtammes Verluſt, über des Königs von Zeruſalem und
ſeiner Ritter Gefangenſchaft und all den unſäglichen
Jammer, der dem Papſt Urbanus das Herz gebrochen.
„Aber das tanzreigenluſtige Völklein war nicht gewillt,
von Kreuzfahrt und Sarazenenlärm ſein Feſt ſtören zu laſ—
ſen, und der Gnadentaler Einſiedel, dem die großen Zagden
ſo manches gute Stück Wildbret auf den Herd ſeiner Klauſe
jagten, war allen zu wohl bekannt, als daß er Ehrfurcht
erregte.
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