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guniperus. 457
Leutprieſter von Moerishauſen, einem Sterbenden die
letzte Wegzehrung bringend.
„Da kam fremde Kraft und fremdartig Denken über
mich. Schwerfällig ſchob ich mich zum Diethelm hin, löſte
den Dolch Miſericordia aus dem Gürtel, kniete an dem
Schwergewundeten empor und rief ihm ſeinen Namen in
das Ohr. Er ſchlug die Augen auf. ‚Stoß' zu! ſtöhnte er.
„‚Magſt du noch immer vom Buchſtab' R nicht laſſen?“
frug ich.
10 „Neinä!' ſprach er matt und trotzig, ‚ſtoß' zu! Ich
hab's verdient. Nicht um dich: der Rainald...
„‚Um Gottes willen', ſchrie ich und hielt die Hand ab—
wehrend wider ſeine Lippen, ich will nicht wiſſen, was
du dem Rainald getan ...“ Den Dolch ſtieß ich in die
15 Scheide zurück. „Schau, Diethelm', ſagte ich, ‚alte Brü⸗
der und Lerngeſellen, wie wir, ſollten einander nicht mit
Dolch und Snadenſtoß das letzte Fahrwohl ſagen. Des
Streites wäre genug. Wenn wir nicht auf freiem Felde
verenden und wieder heil werden
20 „ müſſen wir wiederum fechten auf Leben und
Sterben! fiel Diethelm ein.
„Müſſen wir? unterbrach ich ſeine Rede, ‚ſieh zu, alter
Geſell, ob wir müſſen. Eins bleibt wahr, ſolang' keiner
von uns des Buchſtab' R vergeſſen mag, iſt einer von uns
25 zu viel auf der Welt . ..
„So iſt es! ſeufzte der Diethelm.
„Aber nicht unſere Hand ſoll Raum ſchaffen, Dieth elm',
ſprach ich; Blutſchuld am Freund mag nicht um Minne
werben. Ein anderer ſoll das Urteil fällen! Ich wies
zo nach dem Rhein, der grollend durch die ſchweigſame Nacht
ſeines Falles Brauſen ertönen ließ. Wollen jenen zum
Schiedsrichter machen', fuhr ich fort, ihn, durch den wir
dem Kloſter entſchwommen, da jene Unſegensminne die
Herzen zu umſtricken begann, unſern alten guten treuen
z5 Rheinauer Rhein! wollen wieder eintauchen in ſeine Flut,
nicht gegen ihn, mit ihm, da wo er, der Rothraut Söller
nahe, über Klippen und Felſen tobend hinabſtürzt. Dort
im Laufenfall ſprüht der Tod ſo ſicher wie von unſerer
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