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Einleitung des Herausgebers. 9
ſtellt Zeiten und Ereigniſſe, ſo daß die pragmatiſche Geſchichte
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geringen Nutzen aus ihr zu ziehen vermag. Um ſo höher ſteht
ſie als kulturgeſchichtliche Quelle. Mit einziger Lebendigkeit,
in einziger Fülle und Anſchaulichkeit entwickelt ſich in ihren Er⸗
zählungen das Leben der Mönche vor unferen Augen, mit Freude
und Stolz ſchildert der ſelbſt ſo gelehrte Schreiber und Schul-⸗
meiſter die Schule ſeines Kloſters, mit reizvoller Kunſt entwirft
er die Bildniſſe ihrer glänzenden Lehrer und Schüler. Volks-
mäßiges, Sagenhaftes, Schwankartiges läuft unter, und trotz
aller Verſtöße im einzelnen entrollt ſich ein überzeugend wahres
Kulturbild, das einen geſchloſſenen Kreis deutſchen Lebens im
10. Jahrhundert mit wunderbarer Treue und Farbigkeit ſchil⸗
dert. Alles in allem alſo gewiß ein Denkmal wie geſchaffen,
die Einbildungskraft eines Dichters zu reizen, inſonderheit eines
Dichters wie Scheffel, der ſchon in ſeinem „Trompeter“ gezeigt
hatte, daß ihm weniger an einer ſtraff zuſammengehaltenen und
dramatiſch aufgebauten Handlung als an breiter und lebendiger
Schilderung der Umwelt gelegen ſei.
Al1s Grundlage ſeines Romans und Grundgerüſte! einer Hand-
lung wählte er die Erzählung des 90. Kapitels von Hadawig, der
Witwe des Herzogs Purkhart von Schwaben, und dem Mönche
Ekkeh ard II., der ihr auf dem Hohentwiel den Virgil erklärte'.
Daß Scheffel gerade auf dieſen Abſchnitt des ausgedehnten Wer-
kes verfiel, hatte zunächſt einen äußeren Grund. Er lag in ſei⸗
ner damaligen Beſchäftigung mit dem Walthariliede, das ihn
wohl überhaupt zuerſt auf die „Casus“ geführt hat. Der „Wal⸗-
tharius“ ſtand ihm durch die Karlsruher Handſchrift, die ein Karls-
ruher, F. Molter, ſchon Ende des 18. Fahrhunderts gedruckt und
dichteriſch überſetzt hatte, vielleicht an ſich nahe. Fetzt ſich ihm
ernſtlicher hinzugeben, regte ihn der Umgang mit ſeinem Karls⸗
ruher Landsmanne, dem Heidelberger Germaniſten Adolf Holtz⸗
mann an, der damals gerade ſeine „Unterſuchungen über das
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Nibelungenlied“ ausarbeitete. Die Schlußkapitel des „Ekkehard“
zeigen, wie eifrig Scheffel ſich mit den Hypotheſen beſchäftigte,
die Holtzmann dort an die Perſönlichkeit des Schreibers Konrad
knüpfte, der im 10. FJahrhundert zuerſt die Nibelungenſage dich—
1 Her Wortlaut findet ſich in den Anmerkungen des eraushebers am
Schluſſe des Bandes.
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