http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke3/0018
Einleitung des Herausgeber. 17
vermag, vergangene Zeiten nahe und hebt ihre Geſtalten aus
Staub und Moder zu neuem Leben, daß er den ewigen Gleich-⸗
takt menſchlichen Herzſchlags auch im Leben und Handeln längſt
verſunkener Geſchlechter heraushört. Wenn er dabei geſchicht-
liche Stoffe wählt, an denen er ſeeliſche Probleme behandeln
kann, die gerade ſeine Zeit lebhaft bewegen, ſo iſt das ſein gutes
Recht. Es zeigt uns den Künſtler in der Abhängigkeit von ſeiner
Zeit, der auch der Eigenartigſte nicht entgeht, und zugleich in
10
jener einzigen Fähigkeit, das klar ausſprechen zu können, was
alle dunkel empfinden. Es iſt alſo ſo natürlich als berechtigt,
wenn Scheffel in ſeinen Helden „Zerriſſene“ malte, um dies
Schlag- und Titelwort ſeiner Zeit zu gebrauchen.
Natürlich bleibt unſer Dichter auch ſonſt Vorgängern ver⸗
pflichtet. Er iſt nicht der Entdecker des geſchichtlichen Romans;
15
20
er fand gerade in ſeiner Zeit Deutſchland von Begeiſterung er⸗
füllt für die neue Welt, die Walter Scotts Geſchichtsromane
aufgeſchloſſen hatten. Mehr als von Scott unmittelbar ſcheint
er von ſeinen deutſchen Nachahmern beeinflußt. Zwar daß
Hauffs „Lichtenſtein“ das Hauptvorbild für den „Ekkehard“ ge-⸗
weſen ſei, wie gerne behauptet wird, möchte ſchwerlich im ein-
zelnen zu erweiſen ſein. Die innere Haltung der beiden auf
Schwabens Boden ſpielenden Romane iſt ganz verſchieden; auch
in Äußerlichkeiten finden kaum ernſthafte Berührungen ſtatt.
Daß Scheffel beim Alten in der Heidenhöhle und ſeinem Hund
auch an den Herzog in der Nebelhöhle und ſeinen Hund auf
Lichtenſtein ſich erinnert habe, wird man nicht leugnen wollen,
aber als dichteriſche Figur iſt der Alte zweifellos eine Wieder-
holung des ſtillen Mannes aus dem „Trompeter“, und den
glauben wir in der Einleitung zu dieſem Werke richtiger auf
Novalis zurückgeführt zu haben. Der Einſiedler des „Ekkehard“
iſt wie der des „Trompeters“ zum Träger des Weltſchmerz es
geworden, der den Dichter ſelbſt niederdrückte; im deutlichſten
Gleichlauf zu den perfönlichen Erfahrungen Scheffels wird der
Weltſchmerz des Alten im Romane aus den Enttäuſchungen
über menſchliche Charaktere und ihre Betätigung im politiſchen
Leben abgeleitet. Mit mehr Fug glauben wir auf Willibald
Alexis verweiſen zu dürfen. Scheffels gedrängtere Darſtellung
bleibt der geſchwätzigen Breite, die anſchauliche Beſtimmtheit
Scheffel. III. 2
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke3/0018