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1383 Etkehard.
aller ſeiner Geſtalten der unklaren Verſchwommenheit des mär⸗
kiſchen Dichters überlegen; mit einer gewiſſen Monumentalität
ſeiner mehr freskoartigen Darſtellung und der großzügigeren
völkiſchen Auffaſſung überragt dieſer den Schwaben. Die Aus-
drucksform beider aber erſcheint durch die häufige Einfügung all—
gemeiner Erfahrungsſätze in die Erzählung, durch den Humor und
die altertümliche Färbung der Sprache, die da und dort nicht auf
die Reden der auftretenden Perſonen ſich einſchränkt, von einer
nicht mehr zufälligen Ähnlichkeit. „Auf der Zunge, ſag' ich euch,
zerging's und duftete wie Muskatnuß und indiſch Gewürz und
ſah von außen wie eine Schildkröte, die auf ihren Beinen rutſcht;
ſo man aber näher trat, waren die Punkte und Ringe auf dem
Rücken. .uſw.“: iſt das ein Satz aus dem „Ekkehard“ oder aus
dem „Roland von Berlin“? Scheffel ſteht die Altertümlichkeit der
Rede natürlicher noch als ſeinem Vorbilde und ſie miſcht ſich bei
ihm mit mundartlichen Eigentümlichkeiten; er hat aber verſtan—
den, beides mit ſo viel Takt zu handhaben, daß Vergangenheit
und Bodenſtändigkeit ſeiner Handlung dadurch lebhaften Ausdruck
gewinnen, ohne daß die Sprache für einen Leſer des 19. Fahr-
hunderts anſtößig oder an Verſtändlichkeit geſchädigt wird.
Der Roman hat ſich denn auch raſch den Beifall ſeiner Zeit
errungen und einen Abſatz gefunden, der dem Dichter ſelbſt
freilich zunächſt weder Vergnügen noch erheblichen Vorteil brachte.
Der erſte Verleger geriet in Konkurs; mit dem Berliner A.
JFanke, der das Werk aus der Maſſe erwarb, hat Scheffel jahre-
lang hartnäckig prozeſſiert, da er ihm den Verlag nicht zugeſtehen
wollte. Erſt nach Ablauf des erſten Vertrags im Fahre 1871
konnte Scheffel das Werk bei dem Verleger ſeiner übrigen Dich—
tungen, A. Bonz, erſcheinen laſſen. Hier erlebte der Roman
noch zu Lebzeiten des Dichters 86 Auflagen, eine Verbreitung,
wie kein anderer Roman des 19. Jahrhunderts ſie genoſſen hat.
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