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20 Ekkeharbd.
Das Sammeln altertümlichen Stoffes kann wie das
Sammeln von Goldkörnern zu einer Leidenſchaft werden,
die zuſammenträgt und zuſammenſcharrt, eben um zu—
ſammen zu ſcharren, und ganz vergißt, daß das gewonnene
Metall auch gereinigt, vmgeſchmolzen und verwertet wer⸗
den ſoll. Denn was wird ſonſt erreicht?
Ein ewiges Befangenbleiben im Rohmaterial, eine
Gleichwertſchätzung des Unbedeutenden wie des Bedeu—
tenden, eine Scheu vor irgendeinem fertigen Abſchließen,
weil ja da oder dort noch ein Fetzen beigebracht werden
könnte, der neuen Aufſchluß gibt, und im ganzen — eine
Literatur von Gelehrten für Gelehrte, an der die Mehr⸗
zahl der Nation teilnahmslos vorübergeht und mit einem
Blick zum blauen Himmel ihrem Schöpfer dankt, daß ſie
nichts davon zu leſen braucht.
Der Schreiber dieſes Buches iſt in ſonnigen Jugend—
tagen einſtmals mit etlichen Freunden durch die römiſche
Campagna geſtrichen. Da ſtießen ſie auf Reſte eines alten
Grabmals, und unter Schutt und Trümmern lag auch,
von graugrünem Akanthus überrankt, ein Haufe ausein-
andergeriſſener Moſaikſteine, die ehedem in ſtattlichem Bild
und Ornamentenwerk des Grabes Fußboden geſchmückt.
Es erhub ſich ein lebhaftes Geſpräch darüber, was all die
zerſtreuten gewürfelten Steinchen in ihrem Zuſammen-—
hang dargeſtellt haben mochten. Einer, der ein Archäolog
war, hob die einzelnen Stücke gegen 's Licht und prüfte,
ob weißer, ob ſchwarzer Marmor; ein anderer, der ſich
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mit Geſchichtforſchung plagte, ſprach gelehrt über Grab-
denkmale der Alten, — derweil war ein dritter ſchweigſam
auf dem Backſteingemäuer geſeſſen, der zog ſein Skizzen-
buch und zeichnete ein ſtolzes Viergeſpann mit ſchnauben-
den Roſſen und Wettkämpfern und viele ſchöne joniſche
Ornamentik darum; er hatte in der einen Ecke des Fuß-
bodens einen unſcheinbaren Reſt des alten Bildes er—
ſchaut: Pferdefüße und eines Wagenrades Fragmente,
da ſtand das Ganze klar vor ſeiner Seele, und er warf's
mit kecken Strichen hin, derweil die andern in Worten
kramten...
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