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Vorwort. 21
Bei jener Gelegenheit war einiger Aufſchluß zu gewin⸗
nen über die Frage, wie mit Erfolg an der geſchichtlichen
Wiederbelebung der Vergangenheit zu arbeiten ſei.
Gewißlich nur dann, wenn einer ſchöpferiſch wieder-
herſtellenden Phantaſie ihre Rechte nicht verkümmert
werden, wenn der, der die alten Gebeine ausgräbt, ſie
zugleich auch mit dem Atemzug einer lebendigen Seele
anhaucht, auf daß ſie ſich erheben und kräftigen Schrittes J
als auferweckte Tote einherwandeln.
In dieſem Sinn nun kann der hiſtoriſche Roman das
ſein, was in blühender Zugendzeit der Völker die epiſche
Dichtung, ein Stück nationaler Geſchichte in der Auffaſ-
ſung des Künſtlers, der im gegebenen Raume eine Reihe
Geſtalten ſcharf gezeichnet und farbenhell vorüberführt,
alſo daß im Leben und Ringen und Leiden der einzelnen
zugleich der Inhalt des Zeitraumes ſich wie zum Spiegel⸗
bild zuſammenfaßt.
Auf der Grundlage hiſtoriſcher Studien das Schöne
und Darſtellbare einer Epoche umſpannend, darf der Ro⸗
man auch wohl verlangen, als ebenbürtiger Bruder der
Geſchichte anerkannt zu werden, und wer ihn achſelzuckend
als das Werk willkürlicher und fälſchender Laune zurück—
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weiſen wollte, der mag ſich dabei getröſten, daß die Ge—
ſchichte, wie ſie bei uns geſchrieben zu werden pflegt, eben
auch nur eine herkömmliche Zuſammenſchmiedung von
Wahrem und Falſchem iſt, der nur zu viel Schwerfälligkeit
anklebt, als daß ſie es, wie die Dichtung, wagen darf, ihre
Lücken ſpielend auszufüllen.
Wenn nicht alle Zeichen trügen, ſo iſt unſere Zeit in
einem eigentümlichen Läuterungsprozeß begriffen.
In allen Gebieten ſchlägt die Erkenntnis durch, wie
unſäglich unſer Denken und Empfinden unter der Herr—
ſchaft der Abſtraktion und der Phraſe geſchädigt worden;
da und dort Rüſtung zur Umkehr aus dem Abgezogenen,
Blaſſen, Begrifflichen zum Konkreten, Farbigen, Sinn—
lichen, ſtatt müßiger Selbſtbeſchauung des Geiſtes Be—
ziehung auf Leben und Gegenwart, ſtatt Formeln und
Schablonen naturgeſchichtliche Analyſe, ſtatt der Kritik
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