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22 L Ekkehard.
ſchöpferiſche Produktion, und unſere Enkel erleben viel-
leicht noch die Stunde, wo man von manchem Koloß ſeit-
heriger Wiſſenſchaft mit der gleichen lächelnden Ehrfurcht
ſpricht, wie von den Reſten eines vorſündflutlichen Rie—
ſengetiers, und wo man ohne Gefahr, als Barbar ver—
ſchrien zu werden, behaupten darf, in einem Steinkrug
alten Weines ruhe nicht weniger Vernunft als in mancher
umfangreichen Leiſtung formaler Weisheit.
Zur Herſtellung fröhlicher, unbefangener, von Poeſie
verklärter Anſchauung der Dinge möchte nun auch die vor⸗
liegende Arbeit einen Beitrag geben, und zwar aus dem
Gebiet unſerer deutſchen Vergangenheit.
Unter dem unzähligen Wertvollen, was die großen Fo⸗
lianten der von Pertz herausgegebenen „Monumenta Ger⸗
manige“ bergen, glänzen gleich einer Perlenſchnur die
ſanktgalliſchen Kloſtergeſchichten, die der Mönch Ratpert
begonnen und Ekkehard der Füngere (oder, zur Unterſchei⸗
dung von drei gleichnamigen Mitgliedern des Kloſters, der
Vierte benannt) bis ans Ende des zehnten Fahrhunderts
fortgeführt hat. Wer ſich durch die unerquicklichen und
vielfältig dürren Jahrbücher anderer Klöſter mühſam durch⸗
gearbeitet hat, mag mit Behagen und innerem Wohlgefallen
an jenen Aufzeichnungen verweilen. Da iſt trotz mannig⸗
facher Befangenheit und Unbehilflichkeit eine Fülle an—
mutiger, aus der Überlieferung älterer Zeitgenoſſen und den
Berichten von Augenzeugen geſchöpfter Erzählungen, Per-
ſonen und Zuſtände mit groben, aber deutlichen Strichen
gezeichnet, viel unbewußte Poeſie, treuherzige brave Welt-
und Lebensanſicht, naive Friſche, die dem Niedergeſchrie-
benen überall das Gepräge der Echtheit verleiht, ſelbſt dann,
wenn Perſonen und Zeiträume etwas leichtſinnig durch⸗
einandergewürfelt worden und ein handgreiflicher Ana—
chronismus dem Erzähler gar keinen Schmerz verurſacht.
Ohne es aber zu beabſichtigen, führen jene Schilde—
rungen zugleich über die Schranken der Kloſtermauern
hinaus und entrollen das Leben und Treiben, Bildung
und Sitte des damaligen alemanniſchen Landes mit der
Treue eines nach der Natur gemalten Bildes.
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