http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke3/0035
34 Ekkehard.
„Und dann, wenn die Sonne niedergeſtiegen und über
flimmernden Meereswellen die ſchnelle Nacht aufgeht, der
Königsbraut zu Ehren alles im blaufahlen Glanz grie-
chiſchen Feuers, — jetzt fahren wir in Hafen ein, die
große Kette, die ihn ſonſt abſperrt, löſt ſich dem Braut—
ſchiff, Fackeln ſprühen am Afer, dort ſteht des Kaiſers
Leibwache, die Waräger mit ihren zweiſchneidigen Streit-
äxten, und die blauäugigen Normänner, dort der Patriarch
mit zahlloſen Prieſtern, überall Muſik und Jubelruf, und
der Königsſohn im Schmucke der Zugend empfängt die
Verlobte, nach dem Palaſte von Blacharnae wallt der
Feſtzug..“
„Und all dieſe Herrlichkeit habe ich verſäumt“, ſpottete
Frau Hadwig. „Praxedis, dein Bild iſt nicht vollſtändig.
Und ſchon des andern Tags kommt der Patriarch und er-
16⁰
15
teilt der abendländiſchen Chriſtin einen ſcharfen Glaubens-
unterricht, was von all den Ketzereien zu halten, die auf
eurem verſtandesdürren Eroͤreich aufſprießen wie Stech—
apfel und Bilſenkraut, — und was von den Bildern der
Mönche und dem Konzilſchluß zu Chalcedon und Nicaea;
dann kommt die Großhofmeiſterin und lehrt die Geſetze
der Sitte und Bewegung: ſo die Stirn gefaltet und ſo die
Schleppe getragen, dieſen Fußfall vor dem Kaiſer und
jene Umarmung der Frau Schwiegermutter und dieſe
Höflichkeit gegen jenen Günſtling und jene gigantiſche
Redensart gegen dieſes Untier: Eure Gravität, Eure Emi-
nenz, Eure erhabene und wunderbare Größe! — was am
Menſchen Lebensluſt und Kraft heißt, wird abgetötet, und
der Herr Gemahl gibt ſich auch als gefirnißtes Püppchen
zu erkennen, eines Tages ſteht der Feind vor den Toren
oder der Thronfolger iſt den Blauen und Grünen des Zir-
kus nicht genehm, der Aufſtand tobt durch die Straßen,
und die deutſche Herzogstochter wird geblendet ins Kloſter
geſteckt .. Was frommt's ihr dann, daß ihre Kinder
25⁵
30
ſchon in der Wiege mit dem Titel Alleredelſter begrüßt 35
wurden? Praxedis, ich weiß, warum ich nicht nach Kon⸗-
ſtantinopolis ging.“
„Der Kaiſer iſt der Herr der Welt“, ſprach die Griechin;
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke3/0035