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1. Hadwig, Herzogin von Schwaben. 35
„was der Wille ſeiner Ewigkeit ordnet, iſt wohlgetan: ſo
hat man mich gelehrt.“
„Haſt du auch ſchon darüber nachgedacht, daß es
ſam Menſchen ein koſtbar Gut iſt, ſein eigener Herr zu
5 ſein?“
„Nein“, ſprach Praxedis.
Das angeregte Geſpräch behagte der Herzogin.
„Was hat denn“, fuhr ſie fort, „euer Byzantiner Maler
für einen Beſcheid heimgebracht, da er mein Konterfei
10 fertigen ſollte?“
Die Griechin ſchien die Frage überhört zu haben. Sie
hatte ſich erhoben und ſtand am Fenſter.
„Praxedis“, ſprach Frau Hadwig ſcharf, „antworte!“
Da lächelte die Gefragte mild und ſagte: „Das iſt ſchon
1s eine lange Zeit her, aber Herr Michael Thallelaios hat
wenig Gutes von Euch geſprochen. Die ſchönſten Farben
habe er bereitgehalten, ſo erzählt' er uns, und die feinſten
Goldblättchen, Ihr ſeiet ein reizend Kind geweſen, wie
man Euch zum Gemaltwerden vor ihn führte, und es hab
20 ihn feierlich angemutet, als ſollt' er ſeine ganze Kunſt zu—
ſammennehmen, wie damals, als er die Mutter Gottes
fürs Athoskloſter malte. Aber die Prinzeſſin Hadwig
hätten geruht, die Augen zu verdrehen, und wie er eine
beſcheidene Einwendung erhoben, hätten Eure Gnaden die
23 Zunge gewieſen und beide Hände mit geſtreckten Fingern
an die Naſe gehalten und in anmutig gebrochenem Grie-
chiſch geſagt, das ſei die rechte Stellung.
„Der Herr Hofmaler nahm Veranlaſſung, vieles über
den Mangel an Bildung in deutſchen Landen dran zu knüp⸗
30 fen, und hat einen hohen Schwur getan, daß er zeitlebens
dort kein Fräulein mehr malen wolle. Und der Kaiſer
Baſilius hat auf den Bericht hin grimmig in ſeinen Bart
gebrummt..“
„Laß Seine Majeſtät brummen“, ſprach die Herzogin.
35 „Und flehe zum Himmel, daß er jeder andern die Geduld
verleihen möge, die mir damals ausging. Ich habe noch
nicht Gelegenheit gehabt, einen Affen zu ſehen, aber allem
zufolge, was glaubwürdige Männer erzählen, reicht Herrn
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