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36 Ekkehard.
Michaels Ahnentafel zu jenen Mitgliedern der Schöpfung
hinauf.“
Sie hatte inzwiſchen die Armſpange angelegt, es waren
zwei ineinander verſtrickte Schlangen, die ſich küſſen, jede
trug ein Krönlein auf dem Haupt². Da ihr unter dem
vielen Geſchmucke jetzt ein ſchwerer ſilberner Pfeil unter
die Hände geraten war, ſo mußte auch er ſeinen Aufenthalt
im Gefängnis des Schreins mit anderem Platze vertauſchen.
Er ward in die Maſchen des goldfadigen Haarnetzes gezogen.
Als wollte ſie des Schmuckes Wirkung prüfen, ging
Frau Hadwig mit großen Schritten durchs Gemach. Ihr
Gang war herausfordernd. Aber der Saal war leer; ſelbſt
die Burgkatze war von dannen geſchlichen. Spiegel waren
keine an den Wänden. Der Zuſtand wohnlicher Einrich—
tung überhaupt ließ damals manches zu wünſchen übrig.
Praxedis' Gedanken waren noch bei der vorigen Ge—
ſchichte. „Gnädige Gebieterin“, ſprach ſie, „er hat mich
doch gedauert.“
„Wer?“
„Des Kaiſers Sohn. Ihr ſeid ihm im Craum er⸗
ſchienen“, ſagt' er, „und all ſein Glück hab' er von Euch
erhofft. Er hat auch geweint.“
„Laß die Toten ruhen“, ſprach Frau Hadwig ärgerlich.
„Nimm lieber die Laute und ſing mir das griechiſche
Liedlein:
„Konſtantin, du armer Knabe,
Konſtantin, und laß das Weinen!“
„Sie iſt zerſprungen“, war die Antwort, „und alle
Saiten zugrund⸗ gerichtet, ſeit die Frau Herzogin geruhten,
ſie ...“
„Sie dem Grafen Boſo von Burgund an Kopf zu
werfen“, ergänzte Hadwig. „Dem iſt nicht zu viel ge—
ſchehen, 's war gar nicht notwendig, daß er uneingeladen
zur Leichenfeier Herrn Burkhards kam und mir Troſt zu⸗
ſprechen wollte, als wär' er ein Heiliger. Laß die Laute
flicken.“
„Sag' mir indes, du griechiſche Goldblume, warum
hab' ich heut den feſtlichen Schmuck angelegt?“
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