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38 Ektehard.
immer am jungen Hafenplatz ſeßhaft war, ſie riefen der
Landesherrin ein rauhes: „Heil Herro! Heil Liebo“!“ zu
und ſchwangen mächtige Tannenzweige. Grüßend ſchritt
ſie durch die Reihen und gebot ihrem Kämmerer, etliche
Silbermünzen auszuwerfen, aber es galt kein langes Ver⸗
weilen. Schon ſtanden die Roſſe bereit, die waren zur
Nachtzeit insgeheim vorausgeſchickt worden; wie alle im
Sattel ſaßen, ſprach Frau Hadwig: „Zum heiligen Gallus!“
Da ſchauten ſich die Dienſtleute verwundert an: Was ſoll
uns die Wallfahrt? Zum Antworten war's nicht Zeit,
ſchon ging's im Trab das hügelige Stück Landes hinauf,
dem Gotteshauſe entgegen.
Sankt Benedikt und ſeine Schüler haben die bauliche
Anlage ihrer Klöſter wohl verſtanden. Land ab, Land auf,
ſo irgendwo eine Anſiedelung ſteht, die gleich einer Feſtung
einen ganzen Strich beherrſcht, als Schlüſſel zu einem Tal,
als Mittelpunkt ſich kreuzender Heerſtraßen, als Hort des
feinſten Weinwuchſes: ſo mag der Vorüberwandernde bis
auf weitere Widerlegung die Vermutung ausſprechen, daß
ſotanes Gotteshaus dem Orden Benedicti zugehöre oder
vielmehr zugehört habe, denn heutigentages ſind die Klöſter
ſeltener und die Wirtshäuſer häufiger, was mit ſteigender
Bildung zuſammenhängt.
Auch der iriſche Gallus hatte einen löblichen Platz er⸗
wählt, da er, nach Waldluft gierig ², in helvetiſcher Ein⸗
ðde ſich feſtſetzte; ein hochgelegenes Tal, durch dunkle Berg⸗
rücken von den milderen Geſtaden des Sees geſondert, ſtei⸗
nige Waldbäche brauſen vorüber, und die rieſigen Wände
des Alpſteins, deſſen Spitzen mit ewigem Schnee umhüllt
im Gewölke verſchwinden, erheben ſich als ſchirmende
Mauer zur Seite.
Es war ein ſonderbarer Zug, der jene Glaubensboten
von Albion und Erin aufs germaniſche Feſtland führte.
Genau beſehen iſt's ihnen kaum zu allzu hohem Verdienſt
anzurechnen. „Die Gewohnheit, in die Fremde zu ziehen,
iſt den Briten ſo in die Natur gewachſen, daß ſie nicht anders
können“, ſchrieb ſchon in Karl des Großen Tagen ein
unbefangener ſchwäbiſcher Mann. Sie kamen als Vorfah—
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