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46 Efkkehard.
Da hob ſich unter den jüngeren einer und erbat das
Wort.
„Sprechet, Bruder Ekkehard?“, rief der Abt.
Und das wogende Gemurmel verſtummte; alle hörten
den Ekkehard gern. Er war jung an Fahren, von ſchöner
Geſtalt und feſſelte jeden, der ihn ſchaute, durch ſittige An-
mut; dabei weiſe und beredt, von klugverſtändigem Rat
und ein ſcharfer Gelehrter. An der Kloſterſchule lehrte er
den Virgilius, und wiewohl in der Ordensregel geſchrie-
ben ſtund: zum Pörtner ſoll ein weiſer Greis erwählt
werden, dem geſetztes Alter das Frrlichtelieren unmöglich
macht, damit die Ankommenden mit gutem Beſcheid emp—
fangen ſeien, ſo waren die Brüder eins, daß er die erfor-
derlichen Eigenſchaften beſitze, und hatten ihm auch das
Pörtneramt übertragen.
Ein kaum ſichtbares Lächeln war über ſeinen Lippen
gelegen, dieweil die Alten ſich ſtritten. Zetzt erhob er ſeine
Stimme und ſprach:
„Die Herzogin in Schwaben iſt des Kloſters Schirm-
vogt und gilt in ſolcher Eigenſchaft als wie ein Mann.
Und wenn in unſerer Satzung ſtreng geboten iſt, daß kein
Weib den Fuß über des Kloſters Schwelle ſetze: man kann
ſie ja darüber tragen.“
Da heiterten ſich die Stirnen der Alten, als wãre jedem
ein Stein vom Herzen gefallen, beifällig nickten die Ka—
puzen, auch der Abt war des verſtändigen Wortes nicht
unbewegt und ſprach:
„Fürwahr, oftmals offenbart der Herr einem Zünge⸗
ren das Dienlichſte?, Bruder Ekkehard, Ihr ſeid ſanft wie
die Taube, aber klug wie die Schlange, ſo ſollt Ihr des
eigenen Rats Vollſtrecker ſein. Wir geben Euch Dispens.“
Dem Pörtner ſchoß das Blut in die Wangen, er ver⸗
beugte ſich, ſeinen Gehorſam anzudeuten.
„Und der Herzogin weibliche Begleitung?“ frug der
Abt weiter. Da wurde der Konvent eins, daß für dieſe
auch die freimütigſte Geſetzesausleguns keine Möglichkeit
des Eintritts eröffne. Der böſe Sindolt aber ſprach: „Die
mögen indeſſen zu den Klausnerinnen auf den Frenhügel
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