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2. Die Zünger des heiligen Gallus. 47
gehen; wenn des heiligen Gallus Herde von einer Land-
plage heimgeſucht wird, ſoll die fromme Wiborad auch
ein Teil daran leiden.“
Der Abt pflog noch eine lange flüſternde Verhandlung
mit Gerold, dem Schaffner, wegen des Veſperimbiſſes;
dann ſtieg er von ſeinem Steinſitz und zog mit der Brüder
Schar den Gäſten entgegen. Die waren draußen ſchon
dreimal um des Kloſters Umfriedung herumgeritten und
hatten ſich mit Glimpf und Scherz des Wartens Ungeduld
vertrieben.
In der Tonweiſe: „Justus germinavit“ kamen jetzt die
eintönigen ſchweren Klänge des Lobliedes auf den heiligen
Benedictus aus dem Kloſterhof zu den Wartenden gezogen,
das ſchwere Tor knarrte auf, heraus ſchritt der Abt, paar-
weiſe langſamen Ganges der Zug der Brüder, die beiden
Reihen erwiderten ſich die Strophen des Hymnus.
Dann gab der Abt ein Zeichen, daß der Geſang ver⸗
ſtumme. „Wie geht's Euch, Vetter Cralo“, rief die Her⸗
zogin leichtfertig vom Roß, „hab' Euch lange nicht geſehen.
Hinket Ihr noch?“
Cralo aber ſprach ernſt: „Es iſt beſſer, der Hirt hinke
als die Herde?*. Vernehmet des Kloſters Beſchluß.“
Und er eröffnete die Bedingung, die ſie auf den Ein⸗
tritt geſetzt. Da ſprach Frau Hadwig lächelnd: „Solang'
ich den Scepter führe in Schwabenland, iſt mir ein ſolcher
Vorſchlag nicht gemacht worden. Aber Eures Ordens
Vorſchrift ſoll von uns kein Leides geſchehen, welchem
der Brüder habt Ihr's zugewieſen, die Landesherrin über
die Schwelle zu tragen?“
Sie ließ ihr funkelnd Auge über die geiſtliche geerſchar
ſtreifen. Wie ſie auf Notker, des Stammlers, unheimlich
Schwärmerantlitz traf, flüſterte ſie leiſe der Griechin zu:
„Möglich, daß wir gleich wieder umkehren!“
Da ſprach der Abt: „Das iſt des Pörtners Amt, dort
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Frau Hadwig wandte den Blick in der Richtung, die
des Abts Zeigefinger wies, geſenkten Hauptes ſtund Ekke⸗
hard; ſie erſchaute die ſinnige Geſtalt im rotwangigen
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