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48 Ekkehard.
Schimmer der Zugend, es war ein langer Blick, mit dem
ſie über die gedankenbewegten Züge und das wallende
gelbliche Haupthaar und die breite Tonſur ſtreifte.
„Wir kehren nicht um!“ nickte ſie zu ihrer Begleiterin,
und bevor der kurzhalſige Kämmerer, der meiſtenteils den
guten Willen und das Zuſpätkommen hatte, vom Gaul
herab und ihrem Schimmel genaht war, ſprang ſie anmutig
aus dem Bügel, trat auf den Pörtner zu und ſprach:
„So tut, was Eures Amtes!“
Ekkehard hatte ſich auf eine Anrede beſonnen und ge—
dachte mit Anwendung tadelloſen Lateins die ſonderbare
Freiheit zu rechtfertigen, aber wie ſie ſtolz und gebietend
vor ihm ſtand, verſagte ihm die Stimme, und die Rede
blieb, wo ſie entſtanden — in ſeinen Gedanken. Aber er
war unverzagten Mutes und umfaßte mit ſtarkem Arm
die Herzogin, die ſchmiegte ſich vergnüglich an ihren Trä⸗
ger und lehnte den rechten Arm auf ſeine Schulter. Fröh⸗
lich ſchritt er unter ſeiner Bürde über die Schwelle, die
kein Frauenfuß berühren durfte, der Abt ihm zur Seite,
Kämmerer und Dienſtmannen folgten, hoch ſchwangen die
dienenden Knaben ihre Weihrauchfäſſer, und die Mönche
wandelten in gedoppelter Reihe, wie ſie gekommen, hin⸗
terdrein, die letzten Strophen ihres Loblieds ſingend.
Es war ein wunderſam Bild, wie es vor und nach—
mals in des Kloſters Geſchichte nicht wieder vorkam, und
ließen ſich von Freunden unnützer Worte an den Mönch,
der die Herzogin trug, erſprießliche Bemerkungen anknüp⸗
fen über das Verhältnis der Kirche zum Staat in dama⸗—
ligen Zeiten und deſſen Anderung in der Gegenwart...
Die Naturverſtändigen ſagen, daß durch Annäherung
lebender Körper unſichtbar wirkende Kräfte tätig werden,
ausſtrömen, ineinander übergehen und ſeltſamliche Be⸗
ziehungen herſtellen. Das mochte ſich auch an der Herzo—
gin und dem Pörtner bewähren; dieweil ſie ſich in ſeinen
Armen wiegte, gedachte ſie leiſe: „Fürwahr, noch keinem
hat Sankt Benedikts Kapuze anmutiger geſeſſen als die—
ſemen“, und wie er im kühlen Kloſtergang ſeine Bürde
mit ſchüchternem Anſtand abſetzte, fiel ihm nichts auf, als
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