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2. Die Zünger des heiligen Gallus. 49
daß ihm die Strecke vom Tor bis hierher noch niemals ſo
kurz vorgekommen.
„Ich bin Euch wohl ſchwer gefallen?“ ſprach die Her⸗
zogin ſanft.
„Hohe Herrin, Ihr mögt kecklich ſagen, wie da geſ chrie-
ben ſteht: mein Foch iſt ſanft und meine Bürde iſt leicht“,
war ſeine Erwiderung.
„Ich hätte nicht gedacht“, ſprach ſie darauf, „daß Ihr
die Worte der Schrift zu einer Schmeichelrede anwendet.
Wie heißet Ihr?“
Er antwortete: „Sie nennen mich Ekkehard.“
„Ekkehard! ich danke Euch!“ ſagte die Herzogin mit
anmutvoller Handbewegung.
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Er trat zurück an ein Bogenfenſter im Kreuzgang und
ſchaute hinaus ins Gärtlein. War's ein Zufall, daß ihm
jetzt der heilige Chriſtophorus vor die Gedanken trat?
Dem deuchte ſeine Bürde auch leicht, da er anhub, das
fremde Kindlein auf ſtarker Schulter über den Strom zu
tragen, aber ſchwer und ſchwerer ſenkte ſich die Laſt auf
ſeinen Nacken und preßte ihn hinab in die brauſende Flut,
tief, tief, daß ſein Mut ſich neigen wollte zu verzweifeln...
Der Abt hatte einen köſtlichen Henkelkrug bringen laſſen,
damit ging er ſelber zum Springquell, füllte ihn und trat
vor die Herzogin: „Der Abt ſoll den Fremden das Waſſer
darbringen, ihre Hand zu netzen“, ſprach er, „und ſich ſamt
der ganzen Brüderſchaft zur Fußwaſchung —
„Wir danken“, fiel ihm Frau Hadwig in die Rede.
Sie ſprach's mit entſchiedenem Ton. Indes hatten zwei
der Brüder eine Truhe herabgeholt, ſie ſtand geöffnet im
Gang. Drein griff jetzt der Abt, zog eine funkelneue Kutte
herfür und ſprach: „So ernenne ich denn unſeres Kloſters
erlauchten Schirmvogt zum Mitglied und zugeſchriebenen
Bruder und ſchmück' ihn deſſen zum Zeugnis mit des Or-⸗
dens Gewandung??.
Frau Hadwig fügte ſich. Leicht bog ſie das Knie, da
ſie die Kutte aus ſeinen Händen empfing; ſie warf das
ungewohnte Kleidungsſtück um, es ſtand ihr gut, faltig
war's und weit, wie die Regel beſagt: Der Abt ſoll ein
Scheffel. II. 4
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