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52 Etktehard.
meias aber hob ſeinen Spieß und deutete nach einem nahen
Hügel hinter dem Walde und ſagte nichts. Da ſprach
Praxedis: „Sind die Worte bei Euch in Sankt Gallen ſo
teuer zu kaufen, daß Ihr keinen andern Beſcheid gebt?“
Die Dienerinnen lachten.
Da ſprach Romeias ernſt: „Möcht' euch doch allzuſamt
ein Donnerwetter ſieben Klafter tief in Erdboden hinein
verſchlagen!“
Praxedis erwiderte: „Wir danken Euch, guter Freund!“
Hiemit war die ſchickliche Einleitung zu einem Geſpräch
gefunden. Romeias eröffnete ſeinen Auftrag, die Frauen
folgten ihm willig.
Und allmählich fand der Wächter, daß es nicht der
härteſte Dienſt ſei, ſolche Gäſte zu geleiten, und wie die
Griechin ihn des Näheren über Wächterei und Jagdhan—
tierung befragte, ward ſeine Zunge gelöſt, und er erzählte
von Bären und Wildſchweinen, daß es eine Freude war,
und erzählte ſogar ſein großes Fagdſtück von dem furcht—
baren Eber, dem er einſt den Speer in die Seite gewor—
fen und ihn doch nicht zu erlegen vermocht, denn er hatte
Füße, einer Wagenlaſt an Maße gleich, und Borſten, ſo hoch
wie die Tannen des Forſtes, und Zähne, zwölf Ellen
lang;s, — und ward zuſehends artiger, denn, wie die
Griechin einmal ihren Schritt hemmte, um einer Droſſel
Schlag zu belauſchen, hielt auch Romeias geduldig an,
wiewohl ihm ſonſt ein Singvogel ein viel zu erbärmlich
Stück Wild war, als daß er ihn großen Aufmerkens ge—
würdigt. Und wie Praxedis ſich nach einem ſchönen
Goldkäfer bückte, der im rötlichen Moos herumkletterte,
wollte ihr Romeias dienſtwillig den Käfer mit ſchwer⸗
beſohltem Fuß zur Hand ſchieben, und daß er ihn bei
ſolcher Gelegenheit zertrat, war nicht ſeine Abſicht.
Sie ſtiegen einen düſtern Bergpfad hinauf; über
zerklüftete Nagelfluhfelſen rann die Schwarza zu Tale.
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An jenem Abhang war einſt der heilige Gall in die Dor- 35
nen gefallen und hatte zum Begleiter, der ihn aufrich—
ten wollte, geſprochen: „Laß mich liegen, hier ſoll meine
Ruhe ſein und mein Haus für alle Zeit??!“
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