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3. Wiborada Recluſa. 53
Sie waren nicht lang' bergan geklommen, da kamen
ſie an einen freien, tannwaldumſäumten Platz. An ſchir—
mende Felswand angelehnt, ſtand dort eine ſchlichte Ka—
pelle in Form eines Kreuzes. Nah dabei war ein vier-
eckig Häuslein gemauert, das mit der Rückſeite auch an den
Fels anſtieß; nur eine einzige niedere Fenſteröffnung, mit
einem Holzladen verſchließbar, war dran zu ſchauen; nir—
gends eine Türe oder anderweiter Eingang, und war nicht
abzuſehen, wie ein Menſch in ſolch Gebäu Einlaß finden
mochte, wofern er nicht durch eine Lucke im Dach von
ſeiten der Felswand ſich hinabließ. Gegenüber ſtund ein
gleiches Gelaß, ſo ebenfalls nur ein einzig Fenſterlein hatte.
Es war häufiger Brauch dazumal, daß ſolche, die Nei⸗
gung zum Mönchsleben verſpürten, und die ſich, wie der
heilige Benedikt ſagt s, ſtark genug fühlten, den Kampf
mit dem Teufel ohne Beihilfe frommer Genoſſenſchaft
auf eigene Fauſt zu beſtehen, ſich in ſolch einen Gaden?* ein⸗
mauern ließen. Man hieß ſie Reclauſi, Eingeſchloſſene,
Klausner, und war ihre Nutzbarkeit und Lebensabſicht der
der Säulenheiligen in Agyptenland zu vergleichen; ſchar⸗
fer Winterswind und Schnecfall macht freilich diesſeits
der Alpen die Abſperrung in friſcher Luft unmöglich, das
Anachoretengelüſt war nicht minder ſtarks?.
In den vier engen Wänden hier auf dem Frenhügel
hauſte nun die Schweſter Wiborad“, eine vielgeprieſene
Klausnerin ihrer Zeit.
Sie ſtammte aus Klingnau im Aargau und war eine
ſtolze, ſpröde Fungfrau geweſen, in mancher Kunſt be—
wandert, und hatte von ihrem Bruder Hitto alle Pſalmen
lateiniſch beten gelernt und war ehedem nicht abgeneigt,
einem Mann ſein Leben zu verſüßen, wenn ſie den rech—
ten finden möchte, aber die Blüte aargauiſcher Landes-
kraft fand keine Gnade vor ihren Augen, und ſie tat eine
Wallfahrt gen Rom. Und dort muß ihr unſtet Gemüt durch⸗
ſchüttert worden ſein, keiner der Zeitgenoſſen hat erfah⸗
ren wie; — drei Tage lang rannte ihr Bruder Hitto das
* Kleines Haus, Gemach.
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