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3. Wiborada Recluſa. 55

Romeias klopfte mit ſeinem Zagoͤſpieß an den Fenſter⸗
laden, der blieb, wie er war, angelehnt; das Pſalmodieren
tönte fort. Da ſprach der Wächter: „Wir müſſen ſie ander⸗
weitig herausklopfen!“
Romeias war ein Mann von ungeſchliffener Lebens—
art, ſonſt hätte er nicht getan, was er jetzt tat.
Er begann ein Lied zu ſingen, womit er oftmals die
Kloſterſchüler ergötzte, wenn ſie in ſeine Turmſtube ent-
wiſchten, ihn am Bart zu zupfen und mit dem großen
Wächterhorn zu ſpielen. Es war eine jener Kantilenen,
wie deren, ſeit daß es eine deutſche Zunge gibt, auf freier
Heerſtraße, an Wegſcheiden und Waldecken und draus auf
weiter Heide ſchon manches gute Tauſend in Wind ge—
ſungen und wieder verweht worden, und lautete alſo:
„Ich weiß einen Stamm im Eichenſchlag,
Der ſteht im grüneſten Laube,
Dort lockt und lacht den ganzen Cag
Eine ſchöne wilde Taube.
„Ich weiß einen Fels, draus ſchillt und ſchallt
Nur Krächzen und Geheule,
Dort hauſt fahlgrau und mißgeſtalt
Eine heiſ're Schleiereule.
„Des Fägers Horn bringt ſüßen Klang,
Des Fägers Pfeil Verderben:
Die Taube grüß' ich mit Geſang,
Die Eul' muß mir erſterben!“
Romeias' Lied hatte ungefähr die Wirkung, als wenn
er einen Feldſtein in Wiborads Laden geworfen. Alsbald
erſchien eine Geſtalt an der viereckigen Fenſteröffnung,
auf hagerem Halſe hob ſich ein blaſſes, vergilbtes Frauen⸗
antlitz, in dem der Mund eine feindſelige Richtung auf-
wärts gegen die Naſe genommen; von dunklem Schleier
vermummt, beugte ſie ſich weit aus dem Fenſterlein, die
Augen glänzten unheimlich. „Schon wieder, Satanas?“
rief ſie.
Da trat Romeias vor und ſprach mit gemütlichem Aus-
druck: „Der böſe Feind weiß keine ſo ſchönen Lieder wie
Romeias, der Kloſterwächter. Beruhigt Euch, Schweſter


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