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58 Etkehard.
Pſalm: Herr, zu meinem Beiſtand eile herbei! — und will
auch dann der Friede nicht bei dir einkehren, ſo brenn' ein
Wachslicht an und halt' den Zeigefinger über die Flamme,
ſo wirſt du ſicher ſein zur Stunde“. Das Feuer heilt das
Feuer.“
Praxedis ſchlug die Augen nieder.
„Eure Worte ſind bitter“, ſprach ſie.
„Bitter!“ rief die Klausnerin, „gelobt ſei der Herr, daß
auf meinen Lippen kein ſüßer Schmack wohnt! Der Mund
der Heiligen muß bitter ſein. Da Pachomius in der Wüſte
ſaß, trat der Engel des Herrn zu ihm und brach die Blätter
des Lorbeerbaums und ſchrieb die Worte des Gebets drauf
und gab ſie dem Pachomius und ſprach: ‚Verſchling' die
Blätter; ſie werden ſchmecken in deinem Mund wie Galle,
aber dein Herz wird erfüllt werden vom Überſchwall
wahrer Weisheit.“ Und Pachomius nahm die Blätter und
aß ſie, und von Stund' an blieb ſein Mund bitter, ſein Herz
aber füllte ſich mit Süße und er pries den Herrn“.“
Praxedis ſchwieg. Es blieb eine Zeitlang ſtill. Die
andern Frauen der Herzogin waren nicht mehr zu ſehen.
Wie die Klausnerin ihren Gürtel herausreichte, hatten ſie
einand mit dem Ellbogen angeſtoßen und waren leiſe um
das Häuslein geſchlichen. Sie pflückten einen großen
Strauß Heidekraut und Herbſtblumen im Walde und kicher⸗
ten dazu.
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„Wollen wir auch einen ſolchen Gürtel umlegen?“
ſprach die eine.
„Wenn die Sonne ſchwarz aufgeht“, ſprach die andere.
Praxedis hatte den Strick ins Gras gelegt. „Ich will
Euch Eures Gürtels nicht berauben“, ſprach ſie jetzt ſchüch⸗
tern zum Fenſter der Zelle hinauf.
„O harmlos Gemüt“, ſprach Wiborad, „der Gürtel,
den wir tragen, iſt kein Kinderſpiel wie der, den ich dir
reichte; der Gürtel Wiborads iſt ein eiſerner Reif mit
ſtumpfen Stacheln und klirrt wie eine Kette und ſchneidet
ein; — deine Augen erſchauerten ſeines Anblicks“.“
Praxedis ſchaute nach dem Wald, als wolle ſie ſpähen,
ob Romeias nicht bald zurückkehre. Die Klausnerin mochte
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