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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke3/0063
62 . Ekkedard.

Dunkel der Zeit! ſteig' hernieder, meine Seele iſt gerüſtet,
dich zu erſchauen, meine Augen dürſten nach dir“.“
Und wieder war's ſtill auf dem Plan — da ſchreckte
Praxedis zuſammen. Ein dumpfer Schrei klang in der
Zelle auf. Sie ſprang ans Fenſter und ſchaute hinein:
die Klausnerin war in die Kniee geſunken, die Arme hoch
erhoben, ihr Auge gläſern ſtarrend. Neben ihr lag die
Geißel, das Werkzeug der Buße.
„AUm Gottes willen!“ rief Praxedis, „was iſt Euch?“
Wiborad fuhr empor und preßte der Griechin Hand
krampfhaft. „Menſchenkind“, ſprach ſie mit gebrochenem

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Ton, „die du Wiborads Schmerzen zu ſehen gewürdigt

biſt, klopf' an deine Bruſt, es iſt ein Zeichen geſchehen.
Ausgeblieben iſt der Erwählte meiner Gedanken, er zürrit,
daß ſein Name von unheiligen Lippen entweiht ward, aber
der heilige Gallus iſt dem Aug' meiner Seele erſchienen,
er, der noch niemals Einkehr hier genommen — und ſein
Antlitz war das eines Dulders und ſein Gewand zerriſſen

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und brandig. Seinem Kloſter droht ein Unheil. Wir

müſſen eine Fürbitte tun, daß ſeine Fünger nicht ſtraucheln
auf dem Pfad der Gerechten.“
Sie beugte ſich aus dem ſchmalen Fenſter und rief zur
nachbarlichen Klauſe hinüber: „Schweſter Wendelgard!“
Da ſchob ſich drüben das Lädlein zurück, ein ältlich
Antlitz erſchien, das war die brave Frau Wendelgard, die
dort um ihren Ehegemahl trauerte, der vom letzten Heeres-
zug nimmer heimgekommen.
„Schweſter Wendelgard“, ſprach Wiborad, „laß uns
dreimal ſingen den Pfalm: Sei mir gnädig, o Gott, nach
deiner Huld'“
Aber die Schweſter Wendelgard hatte juſt mit träu⸗
mender Sehnſucht ihres Eheherrn gedacht; ſie wußte in
feſtem Gottvertrauen, daß er dereinſt noch heimkehren
werde aus der Hunnen Landen, und hätte am liebſten
jetzt ſchon die Pforte ihrer Klauſe eingetreten, hinaus—
zuſchreiten in die wehende Luft, ihm entgegen.
„Es iſt nicht die Stunde des Pſallierens“, rief ſie hin⸗
über.


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